Radio Arty mit Aerosol Fumes

…mit den Ohren gucken!

Berlin ist nicht nur Hauptstadt der Musik, sondern auch Hauptstadt der Kunst. Und damit die auch mal zu Wort kommt, reißt Yaneq jeden Donnerstag die Ohren ganz weit auf und lädt sich die passenden Gäste aus der Szene ein.

Er informiert, welche spannenden Künstler gerade in der Stadt sind und welche Vernissage man auf keinen Fall verpassen sollte. Danach wird die maßlose Fülle an Galerien, Vernissagen, Aktionen und Auktionen keinen mehr schocken.

Radio Arty – Kolossale Musik, krasse Kunst und kulturelle Kollateralschäden – eine Stunde MotorFM zum Einrahmen und an die Wand hängen.

Diese Woche zu Gast bei Radio Arty, BOHOMAZ, EMESS und PISA73, drei der fünf Künstler der AEROSOL FUMES betitelten Stencil Art Ausstellung in der Berliner Galerie Neurotitan. Außerdem dabei, Steffi, Kuratorin der Ausstellung. Stencils sind ohne Zweifel die schnellste, unmittelbarste und wirkungsvollste Methode, ein Bild auf eine Wand, einen Bürgersteig oder so gut wie jedes andere Objekt aufzubringen.

Doch darüber hinaus ist die Schablonenmalerei auch eine der ältesten Kunstformen der Menschheit, die seit der Steinzeit durch alle Epochen hindurch praktiziert wurde. Im Zuge des Streetart-Booms Ende der 90er Jahre wurde die Technik kontinuierlich zur heutigen Form weiterentwickelt. Dabei dominiert nicht ein Stil, sondern durch die Verfeinerung der Technik, kam es eher zu einer Diversifizierung der Stile.

Die fünf Berliner Künstler stehen stellvertretend für die Vielfalt der Ausdrucksformen, die mit ein und derselben Technik möglich sind.

BOHOMAZ meist einfarbige, großformatige Schablonengraffiti stecken voll von rätselhaften Tieren, Monstern, Robotern und Maschinen verborgen in einem Dschungel aus wilder Ornamentik und grafischen Mustern. Seine kontrastreichen tribalhaften Motive muten dabei manchmal fast wie Linolschnitte an. Für den bekennenden Comicfanatiker sind Stencils die ultimative Form der Reproduktion, die ohne den Einsatz von Maschinen auskommt, denn seine Schablonen sind alle handgezeichnet.

Seine wichtigste Inspirationsquelle ist die Vergangenheit, sowohl die kunsthistorische, als auch die persönliche Erfahrung ist ein Motor für seine Arbeiten. So nimmt er Elemente aus vergangenen Kunstepochen in seine Bilder auf, um diese dann wiederum abzuwandeln und zu reduzieren.

Seine Bilder verständigen sich auf vielfältige Weise. Sie stellen einerseits eine Verbindung zwischen der Aussenwelt und dem Innenleben des Künstlers her, andererseits vermitteln sie ihre Botschaften an den Betrachter auf der Strasse. Darüberhinaus kommunizieren die Graffitis verschiedener Künstler untereinander.

Dadurch entsteht ein völlig neues, in sich geschlossenes, semantisches System, in dem die Schablonen zu Buchstaben werden und in dem die einzelnen Elemente mit Informationen und Inhalten aufgeladen sind.

EMESS
ist weniger der Streetartist der Superlative und Weltrekorde – vielmehr besticht seine Arbeit etwa seit Anfang dieses Jahrtausends durch eine beachtliche formale Bandbreite und wandlungsfähige Vielschichtigkeit. EMESS empfindet sich als urbaner Bildhauer und Drucker, bedient sich jedoch der unterschiedlichsten Ausdrucksmittel um seine Interventionen auf die Gestaltung des öffentlichen Raumes wirken zu lassen.

Die Palette des Berliner Künstlers reicht von Posterwänden über grossformatige Schablonenarbeiten bis hin zu metergrossen Installationen – EMESS wählt Medium, Ort und Zeit seiner Interventionen nach beabsichtigter Aussage. Hier geht es nicht um artige Streetdeko – EMESS´ Arbeiten sind auf den Ort ihrer Anbringung zugeschnitten, oft unbequem oder regen zum Nachdenken an und stechen heraus.

Neben einer Reihe von Beton- und Holzinstallationen arbeitete EMESS im vergangenen Jahr intensiv an der Serie WHAT´S THE COLOUR OF MONEY, schablonierten Portraits zum Thema Finanzen, die unsere profane Beziehung zum lieben Geld thematisieren.

Altbekannte Stiche der Konterfeis von Persönlichkeiten handeslüblicher Währungen wie
Dollar, Pfund, dänischer und schwedischer Kronen oder türkischer Lira, die antike Handwerklichkeit des Stils des Holz- und Kupferstichs werden mit der Poppigkeit moderner Musiktitel kombiniert.

EMESS zeigt in seinen aktuellen Arbeiten, dass der Ursprung der Strassenkunst nicht nur im Graffiti allein zu suchen ist, sondern diese Kunstgattung durchaus ihre Wurzeln in Konstruktivismus, Popart und Dada hat.

PISA73
ist seit vielen Jahren ein aktives Mitglied der Berliner Urban Art-Szene, wobei er mit verschiedenen Crews zusammenarbeitete und eine Vielzahl von Medien wie Sticker, Paste-Ups, Schablonen und Tags verwendete.

Seine Arbeiten finden sich in wichtigen Publikationen zur Street Art wie Urban Illustration: Street Art City Guide, Berlin City Language und Graffitti World und wurden gemeinsam mit Werken von Künstlern wie Swoon, Shepard Fairey, Jean-Michel Basquiat und Keith Haring ausgestellt.

In seinen aktuellen Arbeiten setzt sich PISA73 auch weiterhin mit den Themen Macht und Machtausübung durch staatliche Organe auseinander, jedoch ist seine bisherige Sichtweise von einem eher introspektiven Blick abgelöst worden, der die Identitäten der Abgebildeten bildnerisch auflöst und neu verhandelt.

Ein Bruch tut sich auf zwischen der minimalen visuellen Information, die die Werke vermitteln und den umfassenden politisch-gesellschaftlichen Konnotationen, die sie beinhalten. PISA73 bricht dabei mit traditionellen Verfahren der Schablonierung wie Zweifarbentechnik und flachen Farbfeldern und übernimmt Techniken des Pointilismus.

Einst selbst eine radikale Bewegung, ist der Pointilismus heute weitgehend vom Postkartenkitsch vereinnahmt worden. PISA73s zeitgenössische Aneignung dieser Technik spricht jedoch eine andere Sprache.



 

 

14.01.2010

RADIO ARTY
Donnerstag 19 Uhr
Samstag 16 Uhr

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