M99 - der Gemischtwarenladen mit Revolutionsbedarf in der Manteuffelstraße (Foto: Jule Kaden)
M99 - der Gemischtwarenladen mit Revolutionsbedarf in der Manteuffelstraße (Foto: Jule Kaden)

M99 muss bleiben – Ein Gemischtwarenladen mit Revolutionsbedarf

▷ Letzte Änderung: 2016-09-24
By Nina [FluxFM] |

UPDATE von Bizim Kiez: Es gibt eine Wendung bei #HG_M99: Das Landgericht hat den Beschluss vom Amtsgericht kassiert. Keine Räumung morgen! Aber auch keine Aufschiebung bis Mai.

Es wird erst für HG und das #M99: Vermieter und Luxusmodeketteninhaber Frederick Hellmann besteht auf die Räumung, obwohl HG ab Mai 2017 umziehen kann und mittlerweile alle Kreuzberger Politiker um Aufschub gebeten haben. Das M99 ist nur ein Beispiel für die rücksichtslose Verdrängung, die in allen innerstädtischen Kiezen jeden Tag stattfindet. Dagegen müssen wir etwas tun, denn wir sind die Nachbarn – und die nächsten. Wir halten euch auf dem Laufenden.

YOU’LL NEVER ROLL ALONE!

Mahnwache gegen Zwangsräumung vor dem M99
Mittwoch, 21. September 2016, 19h
Manteuffelstr. 99, Kreuzberg

M99 PlakatEin gelb-grünes Plakat „Solidarität mit HG M99 – Wir wollen unseren Nachbarn behalten“ hängt in etlichen Schaufensterläden im Wrangelkiez in Kreuzberg. Die Solidarität gilt Hans Georg Lindenau und dem M99, seinen „Gemischtwarenladen mit Revolutionsbedarf“, den er in der Manteuffelstraße 99 seit 30 Jahren betreibt. Der Laden ist ein Relikt aus der Kreuzberger Hausbesetzerszene der 80er, weithin über Berlin bekannt, und in vielen Reiseführern erwähnt.

Aber das soll sich ändern, der Vermieter hat HG gekündigt, das M99 soll zwangsgeräumt werden. Am 9. August 2016 wird um 9 Uhr wird die Gerichtsvollzieherin mit Polizeiunterstützung anrücken. HG sitzt im Rollstuhl und ist darauf angewiesen, genau in dieser Laden-Wohnung, die er sich aufgebaut hat, zu leben, denn nur hier kann er sein alternatives Lebenskonzept umsetzen. Wird HG verdrängt, wird seine Existenz zerstört.

Das Bündnis Zwangsräumung verhindern war am 30. Juni zu Gast bei Stadt.Land.Flux und hat über den angesetzten Räumungstermin gesprochen. Das Interview könnt ihr hier nachhören:

Die Nachbarschaft im Kiez sperrt sich, will HG unterstützen und sieht die Situation im Kiez als weiteres negatives Resultat der fortschreitenden Gentrifizierung in Berlin. Jeden Donnerstag von 18 – 22h versammeln sich solidarische Demonstranten zum Marathonprotest vor dem M99, um die Zwangsräumung zu verhindern.

Unter dem Motto „Besuchen Sie den M99, solange es ihn noch gibt“ wird in mehreren Sprachen dazu aufgerufen, HG durch Einkauf oder Solidaritätsaktionen zu unterstützen. Das Bündnis Zwangsräumung verhindern, die Initiative Bizim Kiez und zahlreiche andere Aktivisten machen sich bereit, die Räumungsaktion zu verhindern.

Das M99 ist nicht der einzige Laden, der durch Verdrängung bedroht ist. Gegen extreme Mietsteigerungen in Gewerbeflächen gibt es bisher keinerlei Schutz. Vermieter können ungebremst Mietsteigerungen durchsetzen, wobei Steigerungsraten von über 100% keine Seltenheit sind. GewerbemieterInnen können mittels der üblichen 6-monatigen Kündigungsfrist jederzeit „erpresst“ werden. Diese einfache Verdrängung des Kleingewerbes vernichtet über Jahrzehnte aufgebaute Kiezstrukturen, die für das Zusammenleben in einer sozial zunehmend polarisierten Stadt unverzichtbar sind. Bei Bizim Kiez haben sich Ladenbesitzer unter dem Motto EINER VON 99 LÄDEN IM KIEZ zusammengeschlossen, um dagegen zu protestieren.


Ein Besuch bei HG im M99

FluxFM-Redakteurin Jule Kaden hat HG in seinem Gemischtwarenladen für Revolutionsbedarf besucht:

 

Sechs Kunden und der Laden ist knackevoll. Überall hängt, steht, liegt irgendwas: Postkarten, Bücher über Anarchismus oder Veganismus, Pfefferspray, Schlagstöcke. Mittendrin, fast versteckt, sitzt Hans Georg Lindenau, kurz HG. Er wühlt mit der 15-jährigen Elen, Nase und Oberlippe gepierct, in Pullovern mit Anti-Nazi-Aufdrucken.

Mit zerzausten Haaren und beige-grünen Klamotten sitzt HG, den Laden überblickend, wie auf einem Thron in seinem Rollstuhl. Seit einem Sturz ist der gebürtige Bayer querschnittsgelähmt. Das M99 ist seine Existenz, Art Wohnladen. Im Hinterraum seines Geschäfts wohnt und schläft HG. Alles rollstuhlgerecht eingerichtet und umgebaut, damit er weitestgehend selbständig sein kann. In die Kisten ganz oben im Laden müssen die Kunden selber krabbeln.

HG soll raus aus dem M99. Sieben Hauseigentümer haben sich schon die Zähne ausgebissen an dem hartnäckigen, redegewandten Kautz. Der achte bleibt bisher standhaft: Kündigung, Gericht, Räumungstitel. Aber noch kämpft HG. Seine Kundschaft, wie Elens Vater, steht hinter ihm:

„Ich find das schade. Aber ist ja leider so. Überall zählt nur noch das Geld. Und da stört so ein Laden hier.“

Vor der Tür hat HG eine gut gefüllte Umsonstkiste mit Klamotten und Büchern für jeden, bei dem gerade Ebbe im Portemonnaie ist. Er gilt als Kreuzberger Urgestein, als Institution. Irgendwie auch als Seelenklempner. Immer gut für einen philosophischen Plausch. Das gibt der Kiez zurück: 4000 Demonstranten gingen für HG und gegen die Gentrifizierung im Februar auf die Straße. Die Nachbarschaftsinitiative Bizim Kiez versucht seit Monaten zwischen HG und dem Vermieter zu vermitteln. Für Magnus Hengge von Bizim Kiez ist HG ein Symbol:

„Also da sieht man auch, wie er sein Leben auffasst und anderen im Kiez hilft, die soziale, wirtschaftliche oder private Probleme haben, obwohl er ja selbst jemand ist, dem es nicht gerade rosig geht. Das ist gelebte Solidarität, was viele in der Nachbarschaft sehr beeindruckend finden und sich deshalb auch so für ihn solidarisieren.“

 

Irgendwann steh er vermutlich trotzdem an, der Tag X, sein Himmelfahrtskommando, sagt HG. Er fängt plötzlich an zu schreien. Hyperventiliert ganz kurz, das passiert ihm öfter. HG wird sarkastisch:

„Jetzt ist mir schon wieder schwindelig. Vielleicht geh ich auch bald wie Cicero mit Hirnschlag. Dann hab ich es endlich hinter mir. Und alle können aus mir auch einen Märtyrer machen.“

Bevor Elen und ihr Vater nach einer Dreiviertelstunde alles zusammengesucht und bezahlt haben, bittet HG sie, noch ein paar Bücher in die Auslage zu packen. Er bedankt sich und schließt erstmal die Augen.

Aber HG hat nicht vor, aufzugeben. Er hofft bis zur letzten Minute, dass die Zwangsräumung verhindert werden kann und wird das M99 nicht freiwillig verlassen. Der Laden ist sein Leben und seine Wohnung, beides ermöglicht ihm trotz Rollstuhl ein selbstbestimmtes Leben – etwas Vergleichbares in seinem Kreuzberger Kiez zu finden, wird nicht möglich sein.
 

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