Motorpsycho mit „Heavy Metal Fruit”

Zeitknappheit ist überbewertet. Denkt man sich anscheinend bei Motorpsycho. 1 Minute und 23 Sekunden dauert es bis einem auf dem neuen Werk „Heavy Metal Fruit” das erste Lebenszeichen ins Gesicht gepfeffert wird. Vorher passiert nichts. Dass es dann die bandtypische Bratzgitarre ist, die einen leicht unsanft aus dem Fast-Schon-Nickerchen zurückholt, ist zumindest eine Erleichterung. Statt pseudo-atmosphärischer Liebessongs oder knatschig-lahmarschiger Rocknummern gibt es also dann nach jenen 83 Sekunden Wartei doch die Erlösung. Die Norweger spielen zwar immer noch ihren gut abehangenen Stoner- & Progressive Rock, lassen einen aber auf Album Nummer 14 trotzdem wieder staunen: Denn wohl kaum eine andere Band plant so gelungen das Planlose. Songs, die 23 Minuten dauern, 4 Höhepunkte besitzen und ein Dutzend Wendepunkte auffahren – wer wagt sich 2010 an so etwas noch heran? Zeitknappheit ist eben überbewertet. Finden Motorpsycho.
These New Puritans mit “Hidden”

Ja sie leben noch, die Holzmichels des UK-Art-Rock. These New Puritans aus der ostenglischen Küstenstadt Southend-on-Sea veröffentlichen mit „Hidden” nun ihr zweites Album – knapp zwei Jahre nachdem sie von der Brit-Presse für ihr Debütalbum sehr gehypt wurden und viel zu schnell in Vergessenheit gerieten. Ähnlich wie die Foals, die mit ihrem Math-Rock manchmal gefährlich nahe an der Grenze zum Über-Nerdy campen, sind These New Puritans nicht immer in ihrer Gänze zu ertragen. Mal ist es das Quäntchen zu viel an Elektronik, mal ein bisschen zu viel steifer Art-Rock in der Arschritze. Dennoch hat „Hidden” auch seine eingängigen Momente, beispielsweise im Song „Three-Thousand”
Adam Arcuragi mit “I Am Become Joy”

Zwei Schlagwörter. Das eine: USA. Das andere: Singer/Songwriter. Was kommt uns Trendsozialisierten sofort in den Sinn: Natürlich New York mit seinen vermuteten 12 Millionen Menschen, auf die die Schlagwörter passen würden. Dass man aber auch ein bisschen weiter südlich an der Ostküste weiß, wie die Gitarre anzuschlagen ist, zeigt uns Adam Arcuragi aus Philadelphia. Auf seinem dritten Werk „I Am Become Joy” stochert der Barde mit dem Ostküsten-Witz in der Country- und Western-Tradition der USA herum und legt damit ein zwar minimal gehaltenes, aber stilistisch herausragendes Singer/Songwriter-Album vor.
The Jeffrey Lee Pierce Sessions Project mit „We Are Only Riders”

Lange ist es her, als Tony Chmelik (gesprochen: Schmelik) in einem Londoner Plattenladen in der Nähe der Wohnung des Gun-Club-Sängers Jeffrey Lee Pierce arbeitete. Beide freundeten sich an und machten ein bisschen Blues-Musik zusammen. Mehr nicht, nur ein bisschen Rumjammen war das Credo. Als Chmelik allerdings vor ein paar Jahren seinen Dachboden entrümpelte, ließ ihn die Kassette, die er dort fand, doch nicht mehr los. Darauf waren nämlich einige dieser spontanen Aufnahmen zu hören. Zum Veröffentlichen war das Material allerdings zu roh, also beschloss Chmelik alte Weggefährten und Verehrer des 1996 verstorbenen Gun-Club-Sängers zusammenzutrommeln und mit ihnen unter dem Namen „The Jeffrey Lee Pierce Sessions Project” die Songs neu einzuspielen. Auf dem daraus entstandenen Album „We Are Only Riders” huldigen unter anderem Nick Cave, Mark Lanegan und The Raveonettes nun der Underground-Ikone. Qualitativ ist das über 16 Tracks nicht immer top, trotzdem ein würdiges Denkmal für Jeffrey Lee Pierce. Einen guten Vorgeschmack auf das ganze Werk liefert hier schon mal Mark Lanegan und dem Stück „Constant Waiting”.
Asaf Avidan & The Mojos mit “The Reckoning”

Männer die wie Frauen klingen, haben immer was Subversives. Glaubt zumindest viele. Im Fall von Asaf Avidan (wie geschrieben aussprechen, weil Israeli) ist das weibliche Stimmchen einfach nur angeboren. Ohne tiefere Bedeutung sei es, sagt er. Alle, die also vertonten Gender-Diskurs erwarten, sind bei dem Israeli und seiner Band The Mojos an der falschen Adresse. Auf seinem nun erschienenden Album „The Reckoning” bluest Herr Avidan vor sich hin, röhrt und kreischt, jauchzt und jaunzt. Und erinnert dabei übrigens sehr an Janis Joplin. Gender-Diskurs halten die anderen ab, Asaf Avidan huldigt lieber einfach nur der Musik der späten sechziger Jahre.
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