
…mit den Ohren gucken!
Berlin ist nicht nur Hauptstadt der Musik, sondern auch Hauptstadt der Kunst. Und damit die auch mal zu Wort kommt, reißt Yaneq jeden Donnerstag die Ohren ganz weit auf und lädt sich die passenden Gäste aus der Szene ein.
Er informiert, welche spannenden Künstler gerade in der Stadt sind und welche Vernissage man auf keinen Fall verpassen sollte. Danach wird die maßlose Fülle an Galerien, Vernissagen, Aktionen und Auktionen keinen mehr schocken.
Radio Arty – Kolossale Musik, krasse Kunst und kulturelle Kollateralschäden – eine Stunde MotorFM zum Einrahmen und an die Wand hängen.
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Group Material, 125 x 220 cm, Öl / Leinwand, 2010
Eigentlich wollte ich Rockstar werden. Weil aber irgendeine böse (vielleicht aber auch gute )Fee mich vor dem beschützt hat was ich mir wünschte, lenkte sie meine Schritte irgendwann, so vor circa 12 Jahren in den Künstlerbedarf in der Bergstraße in Mitte, wo ich mir sofort eine ein mal eins‐sechzig große Leinwand und Ölfarben gekauft habe, den Laden gibt es heute nicht mehr. Daß ich damit eine Entscheidung getroffen hatte, wusste ich damals zum Glück nicht. Jedenfalls habe ich dann noch ein paar Jahre in verschiedenen Combos rumgedaddelt und mich nebenbei mit großer Freude durch die ganzen Schrottgebirge gepinselt, da muss jeder durch.

Erschuetterung, 50 x 63 cm, Acryl u Tusche / Papier, 2010
Genau genommen muss ich aber sagen, das mit der Kunst war schon eine Wiederentdeckung , Ich habe als Kind immer ganz viel gezeichnet, galt, wenn ich das mal so sagen darf, als „Talent”, hatte aber aus verschieden Gründen nie sonderliches Interesse daran, mich dahin gehend zu professionalisieren und ließ meine Gabe veröden. Ich habe mir dann aber später irgendwann gesagt, dass das ja eigentlich blöd war und hab dann eben einfach so und ohne große Ambitionen wieder angefangen zu malen, es war das natürlichste der Welt. Eigentlich sollte das ein Hobby sein, neben der Musik, dann wuchs sich das aber irgendwie aus und irgendwann saß ich eben zu Hause, vertieft in ein neues Bild und dachte mir: Heute Abend Probe? Kein´ Bock drauf . Als dann wieder mal eine meiner Combos das Zeitliche gesegnet hatte, habe ich das geradezu als eine Erlösung empfunden und habe mich dann lustvoll in das schwarze Loch einer Bohémienexistenz fallen lassen, wie sie klischeehafter nicht hätte sein können. Die Einzelheiten will ich mir sparen, nur so viel: die Ohren sind noch dran.

Ruebnn Acka, 70x100, Tusche, Bleistift und Acryl auf Papier
Dann hat sich über die Jahre so eine Art eigener Stil zusammengeschoben, wobei ich sagen muß, das mit den Zeichnungen kam, wie viele gute Sachen, eher so aus der Not heraus. Ich hatte kein Geld mehr, konnte mir beim besten Willen keine Ölbilder mehr leisten und musste so notgedrungen auf das einzige umsteigen, was ich überhaupt noch bezahlen konnte: Schwarze Tusche und Papier. Und durch diese Zwangsbeschränkung hat sich dann ein ganz anderer Horizont eine ganz andere Herangehensweise eröffnet, für die ich bis heute dankbar bin. Die Schrift und die Wörter und die Texte übernahmen plötzlich eine merkwürdige Macht in den Bildern, seltsame Gebilde irgendwo im Zwielicht zwischen Gegenstand und Ornament und Slogan umkränzten klassizistische Figuren und Architekturbruchstücke aus dem Leichenschauhaus der Kunstgeschichte. Als hätten van Dyck , Beckett und Takashi Murakami zusammen im Suff ein öffentliches Klo beschmiert. Diese neuen Bilder fanden dann auch große Zustimmung in meinem Kunstszenenbekanntenkreis, der sich über die Jahre auf wundersame Weise aufgebaut hatte und ich bekam dann nach und nach immer mehr und immer bessere Ausstellungen, die mir eine gewissen Ruf verschafften und seitdem geht es weiter. Mittlerweile habe ich eine reale Chance reich und berühmt zu werden, aber wen juckt das schon, ob noch eine angepasste neokonservative Karrieristennase im Maybach durch die Gegend fährt.
‐Henry Woller
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