Radiohead-Merchandise (Foto: Sophie Euler)
Radiohead-Merchandise (Foto: Sophie Euler)

Wenn sich Ende 40-jährige weinend in den Armen liegen.. | Radiohead-Konzert in Amsterdam

▷ Letzte Änderung: 2016-05-25
By Sophie [FluxFM] |

Zum dritten Mal sehe ich Radiohead live – am 13. November 2003 im Velodrom, am 30. September 2012 in Kindl Bühne Wuhlheide und diesmal lockt mich die Band am 21. Mai nach Amsterdam in die Heineken Music Hall. Radiohead füllen am 20. und 21. Mai 2016 die 5500 Menschen fassende Halle. Beide Konzerte sind restlos ausverkauft.

„Deuren open: 18:00 uur“ steht auf meinem, übrigens in niederländischer Sprache und deshalb mit mindestens drei übersetzungsbedingten Schweißausbrüchen gekauftem, Online-Ticket. Genau um diese Zeit begebe ich mich auch zur bierigen Halle – so wie 5499 andere Fans auch. Manche waren auch schon am ersten Tag dabei und wie ich erfahre, warten die Menschen ganz vorne bereits seit 3 Uhr Früh auf den Einlass. So fanatisch war ich nie.

Der Merch-Stand (Foto: Sophie Euler)

Der Merch-Stand (Foto: Sophie Euler)

Gleich beim Eingang ist ein Merchandise-Paradies aufgebaut, das optisch an einen asiatischen Marktstand erinnert. Eine bunte Mischung von ungefähr allem, das Fans eventuell gefallen könnte: eine große Auswahl an (organic) Tshirts, limitierte Amsterdam-Konzert-Poster, Schlüsselanhänger, Postkartensets mit jeweils einem Song-Text des aktuellen Albums, Alu-Trinkflaschen, ein mit Radiohead-Kunst gestaltetes Seidentuch, die weinende Radiohead-Katze als Stofftier usw. Mir stechen vor allem zwei Dinge ins Auge: eine Regenjacke und ein Tshirt mit dem Zusatz „For Kids“. „Kinder? Welche Kinder?“, frage ich mich und entdecke in diesem Moment bereits die ersten mit Gehörschutzkopfhörern ausgestatteten Nichterwachsenen und ihre Eltern. Musikalische Früherziehung at its best!
Plötzlich wird mir klar wie viele Jahre ich bereits das Schaffen dieser Band beobachte – mit mal mehr und mal weniger Begeisterung, aber immer auf einem Level, das mich durchaus als Fan outet. Seit fast 20 Jahren. Ich bin älter geworden, das verdeutlicht mir auch der Großteil der Anwesenden, der, ähnlich wie Thom Yorke, auf die 50 zugeht. Diese Tatsache macht mich irgendwie nervös, denn das letzte Konzert ist vier Jahre her, ich hab mich verändert und mit einem „Früher waren sie besser“-Resultat möchte ich nur ungern meine emotionale Verbindung zu dieser Band kappen.

Im Saal platziert man sich. Nicht zu eng, nicht zu aggressiv, jeder sucht sich sein Plätzchen und hält sich an das Rauchverbot – alles ein bisschen erwachsener als sonst. Sind es die Radiohead-Fans oder ist das die niederländische Mentalität? Ich finde es jedenfalls gut. Wie gesagt, ich bin älter geworden…

Phew, for a minute there I lost myself.

Radiohead-Setlist vom 21.5.2016 (Foto: Sophie Euler)

Setlist vom 21.5.2016

Pünktlich um 20:30 Uhr betreten Radiohead (kaum sichtbar) die, dank LED-Technik und Nebelmaschine, einem Scheiterhaufen anmutende Bühne. Die Streicher beim Opener „Burn The Witch“ werden von Jonny Greenwood „sigurrósig“ mit Gitarre und Bogen simuliert. Wow, dass sie mich nach einer knappen Minute schon kriegen, hätte ich mir nicht gedacht. Bei dieser Tour werden Radiohead von einem zweiten Schlagzeuger unterstützt. Übrigens niemand Geringerer als der Portishead Drummer Clive Deamer. Obwohl Thom Yorke den ganzen Abend lang nur mitgezählte 5 Sätze sagt (zwei davon sind übrigens „Thank you, good evening.“ zur Eröffnung und am Ende der Show), herrscht in der Konzerthalle eine fast schon unheimliche Verbindung zwischen Publikum und der Band. Nein, das sind nicht die Radiohead-Fans allgemein, das ist das vorwiegend niederländische Publikum. Es wird während der Lieder mitgesungen oder geschwiegen, höchstens geflüstert – besonders eindrucksvolle Stille herrscht bei „Lucky“, die nur durch die Plastikbecher-knarzenden-Schritte der mobilen Bierverkäufer unterbrochen wird. Bestimmt kein Zufall also, dass Radiohead sich ausgerechnet Amsterdam ausgesucht haben, um ihr neues Album zum ersten Mal live zu präsentieren. Klar gibt es wie bei jedem Konzert die nervenden „Creep“-Rufe. Und auch wenn sich die Band allgemein wortkarg gibt, merkt man doch, dass sie Spaß haben – Jonny Greenwood zum Beispiel am Autotuning. Er beendet den offiziellen Teil des Konzertes mit einem Mickey-Mouse-Stimmen-Outro bei „Everything In Its Right Place“, und bringt die anderen Bandmitglieder (auf der Videowall gut sichtbar) damit zum Lachen.
Thom Yorke eröffnet die erste Zugabe mit den Worten „This is for the funny guy shouting ‚Creep‘ in the back. Only to shock you we do that.“. Es folgt „Give Up The Ghost“ mit der Zeile „Don’t hurt me“ im Refrain. Thom Yorke und Jonny Greenwood ganz alleine auf der Bühne und davor 5500 zuhörende Menschen (hier ein kurzer Ausschnitt). Gänsehaut Nummer 146 an diesem Abend. Nach dem Lied fängt Thom Yorke plötzlich an, auf seiner Akustikgitarre „Creep“ anzuspielen. Ganz nebenbei. Der Jubel ist groß. Er stoppt: „No, I am scared.“ (auf dem Video leider nicht mehr zu hören). Zwei starke Aussagen zum Thema „Creep“. Ich werde diesen Song in meinem Leben wohl niemals live hören, aber ich vermisse ihn ehrlich gesagt auch nicht. *

Arrest this girl her Hitler hairdo is making me feel ill.

Nachdem sich zumindest der erste Song auf „A Moon Shaped Pool“ inhaltlich auf die aktuelle Flüchtlingskrise bezieht, habe ich an diesem Abend diesbezüglich ein Statement erwartet. Das gab es dann auch, allerdings in Radiohead-Manier – zumindest interpretiere ich das so. Denn wenn bei einem 145-Minuten-Konzert ausgerechnet bei dieser einen Stelle dem wahnsinnig textsicheren Publikum der Gesang überlassen wird, kann das kein Zufall sein.

Und das ist auch der Moment in dem ich mir sicher bin, dass mich die Musik von Radiohead noch immer so berührt wie vor 19 Jahren, als der Freund meiner Schwester mir 1997 „The Bends“ und „OK Computer“ geborgt hat. Beim wohl abgedroschensten Song (nach „Creep“), schafft es die Band mir an diesem Abend die Tränen in die Augen zu treiben und mich schluchzend „Phew, for a minute there I lost myself“ singen zu lassen…
Vielleicht war aber doch nur alles Zufall.

Das Konzert endet mit „Idioteque“. Auch manche Fans scheinen am Ende zu sein. Als das Licht im Saal angeht, liegen sich Ende 40-jährige weinend in den Armen. Ich komme mit einer verheulten Engländerin ins Gespräch. Sie hat die Band schon dutzende Male gesehen, aber diesmal war es ein absoluter „emotional wipe out“. (Wem sagt sie das…)

Am Weg zurück ins Hotel komme ich zufällig beim Backstage-Ausgang der Heineken Music Hall vorbei, wo schon eine Handvoll Fans in der Hoffnung auf Autogramme ausharren. Ich stelle mich mit meinem neuen Tshirt auch dazu. Während „mir“ Thom Yorke, Ed O’Brien und Phil Selway nur aus 3 Metern Entfernung zuwinken, unterschreibt Colin Greenwood tatsächlich (wobei die Unterschrift eher wie ein Edding-Unfall aussieht). „Thanks for coming“, sagt er zu mir und ich bin sprachlos. So fanatisch war ich nie.

*Update: Wie es scheint haben Radiohead die Creep-freie-Zeit am 23.5.2016 in Paris unterbrochen.

Onlineredaktion

Sophie Euler
Spezialgebiet: Video, Photoshop, Fotografieren und Österreichisch.

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