
Letztes Wochenende großer SPD-Bundesparteitag in Berlin. Viel Debatte, viel Applaus, aber wer jetzt nun Kanzlerkandidat von den drei möglichen Aspiranten wird, wissen wir immer noch nicht. Es gab mal eine Zeit, da konnte sich die Partei noch auf einen Spitzenkandidaten einigen wie Anfang der 90er Jahre auf Schleswig-Holsteins Ministerpräsidenten Björn Engholm. Er ist zwar nicht geworden, weil er auch über die Barschel-Affäre gestolpert ist, aber was macht der eigentlich heute? Anke Müller ist fündig geworden.
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72 ist der Mann heute und er sieht immer noch gut aus. Und gut reden, kann er immer noch. Bei seinem 70. vor Spitzen aus Wirtschaft und Gesellschaft in seiner Heimatstadt Lübeck zum Beispiel.
Er ist als Kulturkurator in der Lübecker St.-Petri-Kirche tätig, der zweifache Vater von erwachsenen Töchtern sitzt im Beirat der Lübecker Uni und der Musikhochschule und genießt ansonsten seinen Ruhestand. Vielleicht war dieser Mann auch einfach zu schöngeistig, um deutscher Bundeskanzler zu werden. Es ist Ende der 80er, die Zeit der Barschel-Affäre, die die BRD nachhaltig erschüttert. CDU-Ministerpräsident Uwe Barschel fordert vom Axel-Springer-Verlag einen Mann fürs Grobe an, sein Name: Reiner Pfeiffer.
Nachrichtenmagazin “Der Spiegel” deckt auf
Kurz nach der Anwerbung Pfeiffers als Medienreferent geht eine anonyme Anzeige beim Finanzamt gegen den SPD-Spitzenkandidaten Björn Engholm wegen Steuerhinterziehung ein. Dann bekommt Engholm einen Anruf von einem angeblichen Arzt, der ihn davor warnt, er könne sich mit AIDS infiziert haben. Parallel dazu wird Engholms Privathaus beschattet, um mögliche Seitensprünge zu dokumentieren, einschlägige Fotos wären im Wahlkampf sehr hilfreich, soll Pfeiffer gesagt haben. Ob Barschel dies alles weiß, ist bis heute ungeklärt, aber die Menschen trauen es ihm zumindest zu. Deswegen verliert er auch die absolute Mehrheit im September 1987, als diese Machenschaften über den „Spiegel“ an die Öffentlichkeit gelangen.
Zwar kann Barschel sich zusammen mit der FDP knapp in eine neue Regierungskoalition retten, aber die Anschuldigungen sind zu massiv, als dass er sich im Amt halten kann, da hilft auch kein Ehrenwort.
Es folgen Neuwahlen und die absolute Mehrheit für die SPD mit Engholm an der Spitze. Doch auch der Sunnyboy ist zumindest nicht unwissend in der Barschel-Affäre. Engholm weiß von Barschels „Mann für Grobe“ Pfeiffer schon sehr viel früher, als er zugibt, denn der hat längst die Seiten gewechselt und sich mit Engholms Pressesprecher mehrfach getroffen. Im Mai 1993 tritt Engholm von allen Ämtern zurück und lässt auch nie mal wieder zu einem Comeback überreden.
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