Auticon – Autismus als Stärke in der IT-Branche

▷ Letzte Änderung: 2017-04-03
By Constanze [FluxFM] |

Redakteurin Aysche Wesche hat sich zum Welttag des Autismus mit Martin Neumann getroffen, IT Consultant bei der Firma Auticon in Berlin – eine Firma, die ausschließlich Menschen mit Autismus beschäftigt. Das Prinzip geht auf – in Deutschland gibt es mittlerweile sieben Niederlassungen und auch in London und Paris wurden bereits welche gegründet.

Rund 140 Angestellte hat Auticon bereits – und es werden noch immer Consultants gesucht. Alle Infos gibt’s unter: www.auticon.de.

Ihr möchtet den Beitrag lieber nochmal hören? Das könnt ihr hier:


Meine ganze Welt besteht aus Mustern. Ich sehe alles in Mustern und in Verknüpfungen dieser Muster zu Bäumen und zu Netzen. Anders kann ich überhaupt nicht mit meiner Umgebung umgehen.

Martin Neumann ist 56 Jahre alt, studierter Diplomingenieur – und einer der Dienstältesten bei Auticon, einer Firma die seit rund fünf Jahren in Berlin sitzt und ausschließlich IT Consultants mit Autismus vermittelt. Neumann hat Asperger Autismus – eine Entwicklungsstörung, die gerade im Bereich der Informationstechnik ganz schnell zu einer Stärke werden kann:

Das ist für mich ziemlich leicht zu durchschauen. Die Regeln, die gelten, ändern sich nicht dauernd. Es ist sehr wenig ambivalent, es gibt relativ wenig Möglichkeiten von einem Problem zu einer Lösung zu kommen im technischen Bereich.

Das was für Normalsterbliche also aussieht wie ein Wasserfall aus kleinen Ziffern, der über die Bildschirme rauscht, ist für Martin Neumann ein offenes Buch. Ganz anders sieht es dagegen bei Menschen aus.

Dummerweise ist soziale Interaktion sehr wenig logisch, sehr wenig konsequent. Die Muster, die ich mir angeeignet habe, die helfen in vielen Fällen weiter. Nur mein Gegenüber hält sich oft gar nicht dran, sondern baut sein eigenes Muster zusammen. Darauf zu reagieren ist natürlich sehr schwierig, denn das was ich mache…

Seine Frau ist am Telefon. Sie ist nicht nur seine Lebenspartnerin, sondern auch der einzige Mensch auf der Welt, bei dem er von Anfang an ohne große Probleme im Gesicht ablesen konnte, was sie fühlt.

Das war gerade meine Frau, das ist natürlich extrem wichtig. Seit 28 Jahren ist meine Frau das Tor zur Welt. Die mir erklärt, warum Leute sich so verhalten wie sie sich verhalten. Was für mich heute eigentlich immer noch unverständlich ist. Aber dadurch habe ich ein ganzes Repertoire an Verhaltensweisen, an Mustern gespeichert.

Hat er die Wahl, arbeitet Neumann trotzdem lieber allein als im Team. Sein Arbeitgeber sorgt dafür, dass alle Mitarbeiter genügend Raum bekommen – vor allem wenn sie bei externen Firmen als Consultant arbeiten – und stellt ihnen auch Hilfe zur Seite. Aber immer nur so viel wie nötig und so wenig wie möglich, sagt Roman Hinz, Niederlassungsleiter bei Auticon Berlin:

Die Jobcoaches sorgen dafür, dass die vermeintlichen Defizite entsprechend kompensiert werden. Der eine kann mit flackerndem Licht nicht gut umgehen, der zweite hat Probleme mit einer Geräuschkulisse – die Kollegen gehen also zum Kunden und sehen, was wir hier entsprechend einrichten müssen. Sie stellen das Thema Autismus auch vor und versuchen die anfängliche Skepsis, die bei fast allen unseren Kunden besteht, in Neugierde umzuwandeln.

Dirk Müller-Remus gründete Auticon Ende 2011, weil sein eigener Sohn Asperger-Autismus hat – in vielen Bereichen überdurchschnittlich begabt ist und trotzdem lange keinen Job fand. Ähnlich ergeht es über 85 Prozent aller Menschen mit Autismus in Deutschland. Auticon will zeigen, dass es auch anders funktioniert. Bei Martin Neumann hat es geklappt – auch dank seiner Frau:

Natürlich ist es auch so, dass meine Frau selber eine zehn hoch minus acht ist – also, äh, eine aus Hundert Millionen, dass heißt meine Frau ist sowieso was ganz Besonderes.

Und wer so eine zehn hoch minus acht erst mal gefunden hat, der lässt sie so schnell nicht mehr gehen.

Redaktion/Moderation

Aysche Wesche
Wortredaktion
Spezialgebiet: Stadtleben, Politik und Kultur.
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