Historischer Betonklotz: Karstadt am Hermannplatz

▷ Letzte Änderung: 2014-08-05
By Diana Hagenberg [FluxFM] |

Für manche ist sie ein hässlicher Betonklotz für andere der Mittelpunkt von Neukölln – die Karstadt-Filiale auf dem Hermannplatz polarisiert. Dabei war sie bei ihrer Eröffnung 1929 der ganze Stolz Berlins. Diese Zeiten sind vorbei, spätestens seit der Insolvenz des Konzerns vor gut fünf Jahren. Deutschlandweit stehen jetzt über 20 Filialen auf der Kippe – möglicherweise auch die am Hermannplatz.

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Menschen hechten von A nach B, auf dem Markt riecht es nach Essen – die umliegenden Straßen verbreitet einen Höllenlärm – ein ganz normaler Tag auf dem Hermannplatz. Eine ganze Seite des Platzes wird vom grauen Karstadt-Koloss gesäumt – schön ist er nicht, aber irgendwie gehört er dazu. Als das Warenhaus 1929 erbaut wurde, muss es den Platz noch mehr überragt haben – mit sieben Stockwerken und zwei 56 Meter hohen Türmen. Auf der anderen Seite vom Platz – direkt gegenüber von Karstadt – ist eine kleine urberliner Kneipe. Auf einer der Holzbänke, zwischen dicken Rauchschwaden, sitzt Manfred, der sich noch gut an die großen Zeiten der Filiale erinnert:

„Für die alten Neuköllner war es ein Genuss, zu Karstadt einkaufen zu gehen. Das hatte einen ideellen Wert. Am Wittenbergplatz ist das KaDeWe und das war hier in dem Kiez in Kreuzberg-Neukölln eben Karstadt.“

Für Manfred ist der Hermannplatz wie ein zweites Wohnzimmer – wegen des bunten Lebens sagt er. Neben ihm sitzt Peter und runzelt die Stirn. Er denkt an ein Kindheitserlebnis im Krieg:

„Ich kann mich noch entsinnen, wie meine Mutter erzählt hat, dass Karstadt ausgebombt worden ist. Danach sind wir alle zu Karstadt gerannt und haben nachgeguckt, ob wir noch was zu essen finden. Davon haben wir nach dem Krieg noch ganz gut gelebt.“

Das Traditionshaus wurde während des gesamten Zweiten Weltkriegs von Fliegerbomben verschont – und erst kurz vor Kriegsende gezielt zerstört. Nur noch die Fassade Richtung Hasenheide zeugt heute von der alten Pracht. Seit der Insolvenz bangen viele Filialen um ihren Standort. Auch die Anwohner am Hermannplatz machen sich ihre Gedanken. So wie Jen, die ganz in der Nähe wohnt:

„Ich würde das sehr traurig finden, wenn Karstadt verschwinden würde. Das ist hier in Neukölln ein interessanter Hub, wo ganz viele verschiedene Menschen aufeinander treffen. Außerdem liebe ich selbst Karstadt und man bekommt dort alles!“

Rund um das Traditionshaus tummelt sich das Leben. Einmal um die Ecke auf der Hasenheide drängen sich beispielsweise Imbissbuden – von Pizza bis zu indischem Essen gibt es einfach alles. Eine davon ist „Langes Imbiss“ – der ohne Karstadt keine Zukunft für sich sieht:

„Die Schließung wollen wir uns nicht vorstellen. Wenn Karstadt zumacht, dann ist hier Neukölln-Kreuzberg tot.“

Die meisten scheinen sich einig zu sein – wenn Karstadt verschwindet fehlt nicht nur dem Hermannplatz was, sondern ganz Neukölln. Straßenmusiker Mattis dagegen, hätte schon einen Plan für danach:

„Wenn Karstadt geht – ja was soll es da dann geben? Dann müsste da wahrscheinlich einfach eine riesen Feierbude rein! Das wäre was. Dafür würde ich auch sofort unterschreiben.“

Redaktion

Alexander Brust
Spezialgebiet: Stadtleben, Aktuelles und alles, was sonst noch so anfällt.

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