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Screenshot Teaser "Iran #nofilter" (Credit: arte)

Iran #NoFilter | Breitbild

▷ Letzte Änderung: 2017-08-22
By Marcus Latton |

Kein Facebook, kein Twitter – was in unserem Dunstkreis unvorstellbar scheint, ist im Iran Alltag. Das Internet unter Präsident Hassan Rohani ist nach wie vor stark zensiert und kaum eine größere Social Media-Plattform steht der Bevölkerung zur Verfügung. Eine Nische bietet der Messenger Dienst Telegram und (überraschenderweise) Instagram – wenn auch nur in einem limitierten Modus.

Für die jungen Menschen im Iran ist Instagram damit zu einer Art Medium der Mini-Revolution geworden. Grund genug für den Sender „arte“ die persischen Smartphone-Fotografen einmal vorzustellen. Iran #NoFilter heißt die Web-Doku, die arte aktuell in ihrer Mediathek anbietet. FluxFM-Redakteurin Jasmin Kröger hat sich die erste Folge für euch angeschaut.


Sogar bekleidet dürfen Frauen im Iran nicht im Meer baden, erzählt Kiana Hayeri. Die junge Iranerin trägt ein locker umgeschlagenes Kopftuch, in den Händen hält sie ein Tablet. Der Bildschirm zeigt ein Foto ihres Instagram-Accounts, auf dem zwei ihrer Klassenkameradinnen ausgelassen im Meer schwimmen – im Iran ein riskantes Unterfangen. Kiana sagt, die beiden jungen Frauen seien wegen ihrer nassen Kleidung von der Schule geflogen.

Kiana geht zum Studium nach Kanada. Als sie zurückkommt, beschließt sie, den Alltag ihrer Freunde mit dem Smartphone zu dokumentieren. Es ist die High Society Teherans, die eine Art Doppelleben führt. Kiana ist seit 2013 bei Instagram. Nach ihrer Aussage nutzt sie den Fotodienst, um eine Welt zu zeigen, die anderen vollkommen unzugänglich ist.

Während Kiana erzählt, fährt die Kamera durch ihre Bilder. Zu sehen sind Szenerien, die wie eine Art „Gossip Girl aus Nahost“ wirken: eine junge Frau nach einer wilden Partynacht über der Toilette, Nachtclubszenen, Designer-Mini-Röcke, Zigaretten und Smartphones, lässiges Abhängen einer Gruppe Mitzwanziger im Luxusapartment. Eine Flucht aus dem repressiven Alltag, wie sie sagt:

„Sie sind in einer Kultur des Krieges aufgewachsen. Wenn der Krieg in deinen Gedanken ist, dann bestimmt er deinen Alltag, er zwingt dich in den Tag hinein zu leben. Du amüsierst dich und hast keinerlei Zukunftspläne. Gleichzeitig ähnelt der Alltag jener Leute dem Leben anderer Jugendlicher auf der Welt.“

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Fast alle ihrer Aufnahmen sind drinnen gemacht worden. Draußen, auf den Straßen sieht die Welt Teherans anders aus; nur selten kann hier offen gefeiert werden. Eine Ausnahme bilden die religiösen Feiern. Inmitten einer solchen Festivität hat Kiana mit ihrem Smartphone einen verhaltenen, aber ziemlich eindeutigen Blickwechsel zwischen zwei Jugendlichen festgehalten. Sie fand es immer interessant, wie solche Feiern zum Flirten genutzt werden.

Im Kontext einer Gesellschaft, die immer noch von religiösen Sittenwächtern kontrolliert wird, sind es genaue diese Instagram-Posts, die zur Rebellion und einem Ventil der Jugend werden. Bleibt die Frage: Warum erlaubt die Regierung Instagram, während andere Dienste wie Twitter, Facebook und Co. blockiert sind? Prof. Dr. Carola Richter forscht zu Medien im Nahen Osten. Sie erklärt:

„Jeder autoritäre Staat braucht ein Ventil, sonst explodiert er. Instagram hat nicht die Möglichkeiten wie Facebook, wo man sich organisieren kann. Das macht es kontrollierbarer.“

So kalkuliert das auch klingen mag: Für Kiana und die neun weiteren Instagramer*innen aus der Webserie Iran #NoFilter bietet der Social-Media-Account die einzige Möglichkeit für Kreativität und Ausdruck in einem Klima von Zensur. Und für die weltweiten Follower*innen gibt es einen einzigartigen Blick durch das Schlüsselloch: auf Irans rebellische Cafékultur, auf das Leben in einem Mädchenknast oder auf den schmerzhafte Abschied eines jungen Studenten, der in den Westen aufbricht. Von „Ach, das kenn‘ ich auch“ bis „permanente Gänsehaut“ sind bei Iran #NoFilter alle Reaktionen dabei.

Hier könnt ihr den ersten Teil der Webserie sehen:

Social Media-Präsenz kann für Iraner*innen gefährlich sein, deshalb löschen sie ihre Profile oft oder stellen sie auf privat. Hier sind die Instagram-Profile aus der Serie, die aktuell noch öffentlich sind:

Kiana Hayeri @kianahayeri
Ako Salemi @f64s125
Ali Kazemi @kaazaw
Alireza Goudarzi @alireza_goudarzi
Negar Yaghmaian @negaryaghmaian
Nafise Motlaq @nafise_motlaq
Sina Shiri @sinashirii
Sadegh Souri @sadegh_souri
Hamid Akhlaghi @hamid_akhlaghi

Die kompletten zehn Folgen der Webserie sind auf der Homepage von arte oder auf dem Youtube-Kanal von arte Creative bis zum 25. Juni 2020 verfügbar.

Redaktion

Jasmin Kröger
Spezialgebiet: Bieryoga, Cher und Milchalternativen

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