Kontaktanzeigen (Foto: Fabian Broicher)
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Leftover Women in China – mit den Eltern auf Heiratsmärkten

▷ Letzte Änderung: 2016-04-18
By Fabian [FluxFM] |

Im Internet macht derzeit ein Video die Runde, in dem junge Chinesinnen über ihr Dasein als so genannte Sheng Nu sprechen. Sheng Nu – oder Leftover Women nennt man Frauen, die mit Ende 20, Anfang 30 unverheiratet bleiben und in China einem hohen gesellschaftlichen Druck ausgesetzt sind. Diesem Thema hat sich FluxFM-Redakteur Anton Stanislawski angenommen und mit einer unverheirateten Chinesin, die in New York lebt, darüber gesprochen.

Hier gibt es den Beitrag in voller Länge zu hören:

Samstagmittag in Shanghai. Normalerweise würde man auf dem Platz des Volkes zu dieser Tageszeit einen Essensmarkt erwarten oder dass man auf touristische Warenhändler treffen könnte. Doch in der Tat findet dort eine ganz andere Art von Markt statt: Ein Heiratsmarkt. Ältere Damen und Herren strömen scharenweise auf den Platz und halten Schilder mit detaillierten Informationen über ihre Kinder in die Höhe. All sie eint, dass sie Eltern von Leftover Women sind – übrig gebliebene Frauen, grob übersetzt. So werden in China die Frauen genannt, die mit Ende 20 oder Anfang 30 noch keinen Mann gefunden haben oder schlicht unverheiratet sind. Wangtien ist per Definitionem eine von ihnen und kennt die Sorgen jener Personen, die ihre Nachkommen auf diese Art feilbieten, nur allzu gut:

„Wenn du in ein bestimmtes Alter kommst, immer noch Single bist und keine Familie hast, werden deine Eltern anfangen, sich um dich zu sorgen. Zum einen, weil sie befürchten, dass du für den Rest deines Lebens einsam bleibst. Und zum anderen sorgen sie sich um ihre Nachkommen.“

Also ziehen in ganz China viele Eltern los, gehen auf die Straße und besuchen Plätze, um ihre Sprößlinge zu bewerben. Auf den Schildern, die sie hochhalten, stehen Informationen wie das Alter, der Bildungsabschluss und wie viele Autos oder gar Immobilien das Kind besitzt. Zumeist ist auch noch ein großes Foto zu sehen – eben all die Dinge, die man für die hoffentlich erfolgreiche und baldige Partnervermittlung benötigt. Während Wangtien, die selbst Mitte 30 und Single ist, Eltern besitzt, die mit ihrem Singledasein relativ gelassen umgehen und nicht versuchen, sie um jeden Preis unter die Haube zu bringen, hat sie viele Bekannte, die dem Druck irgendwann nachgeben.

„Ein Beispiel: Ich lebe ja hier in New York und eine Bekannte von mir aus einer kleinen Stadt in China hat hier ihren Abschluss gemacht. Danach ist sie sofort wieder zurück in ihre Heimat gezogen, weil ihre Eltern glauben, mit 25 sei man zu alt, um im Ausland zu leben. Sie erwarten von ihr, eine Familie zu haben, jeden Abend heimzukommen und jemanden zum Heiraten und Kinderkriegen zu finden.“

Der soziale Druck ist hoch, Sheng Nu gilt als abfälliger und herablassender Begriff. Über nicht verheiratete Frauen wird schlecht geredet, was ihr Gefühl, Außenseiterinnen zu sein, nur noch verstärkt. Dies liegt an der Soziokultur in China, wo der Respekt gegenüber den eigenen Eltern als oberste Pflicht gilt. Nicht zu heiraten und keine Nachkommen zu zeugen, gilt als respektlos. Deshalb haben die Eltern auf diesen Heiratsmärkten oft Erfolg, obwohl die meisten ihrer Sprößlinge eher wenig Lust verspüren, sich auf diese Weise verkuppeln zu lassen, wie Wangtien erzählt:

„Natürlich wollen die meisten das anfangs nicht. Sie fühlen sich unbehaglich, auf diese Weise jemanden kennenzulernen. Aber den Eltern gelingt es trotzdem, dich zu überzeugen, sie machen dir keinen Druck. Sie ermutigen dich, einfach mal hinzugehen, vielleicht passe man ja doch zusammen. Und dann gehen sie aus, merken, dass sie wirklich gut zusammen passen, und heiraten schließlich.“

Übrigens gibt es auch sogenannte Leftover Men, das männliche Pendant zu den Sheng Nu. Doch bei ihnen ist die soziale Akzeptanz viel höher, dass sie sich erstmal der Karriere widmen. Dennoch werden auch ziemlich viele Söhne auf dem Heiratsmarkt angeboten, sonst wäre der samstägliche Treff ja auch wenig zielführend. Immerhin steht der Familiennachwuchs auf dem Spiel.

Bevor ihr euch also, wenn ihr das nächste Mal ausgeht, über euren schlechten Wingman beschwert, denkt daran, dass es immerhin nicht eure Eltern sind, die euch zu verkuppeln versuchen.

Redaktion

Anton Stanislawski
Spezialgebiet: Politik, Kultur, Internetkram

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