Montagsmahnwachen für den Frieden

▷ Letzte Änderung: 2014-06-17
By Diana Hagenberg [FluxFM] |

Rechtslastig, antisemitisch, nationalistisch – das ist die Kritik an den sogenannten „Montagsmahnwachen für den Frieden“ – in Berlin anzutreffen am Brandenburger Tor oder am Alexanderplatz. Aufgetaucht ist diese neue Protestbewegung im Kontext der Ukraine Krise im Frühling dieses Jahres. Wer die Leute sind, die da auf die Straße gehen, was sie genau antreibt, darüber wusste man bislang wenig. Wissenschaftler des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung am Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin haben genau dazu eine Befragung gemacht und ihre Ergebnisse gestern vorgestellt. Julia Oberlohr war bei der Pressekonferenz dabei.

Ein Sammelbecken für Rechte und Spinner, dieses Bild dominiert die Wahrnehmung der Montagsmahnwachen. Eine Befragung des Zentrums Technik und Gesellschaft der TU Berlin zeigt: es sind sehr heterogene Gruppen, die sich da immer montags in Städten in ganz Deutschland zusammenfinden. Für Frieden, Gerechtigkeit, Menschenrechte, Gemeinschaft, Demokratie gehen sie – laut eigenen Angaben im Fragebogen – auf die Straße, und weil sie ihre Kritik zum Ausdruck bringen wollen: an den Medien und am Kapitalismus. Einordnungen wie politisch links oder rechts interessieren die meisten nicht. Peter Ullrich vom Zentrum Technik und Gesellschaft.

„Überraschend war für mich, dass die Bewegung weit weniger rechts geprägt ist, als es zunächst den Anschein hatte. Und es ist zeitgleich noch überraschend, dass sie von einer immensen politischen Heimatlosigkeit geprägt ist – also Menschen die zwar sozial gut integriert sind, aber politisch von niemanden repräsentiert werden. Sie fühlen sich nicht vertreten durch ein politisches System, oder durch alternative und oppositonelle Gruppierungen.“

Für ihre Untersuchung waren die Forscher in Berlin und sechs weiteren Städten, wie Jena, Erfurt und Bonn im Einsatz. Eine weitere wichtige Erkenntnis ihrer Online Befragung: in ihrem Antwortverhalten sind die Befragten teils sehr widersprüchlich. Klar rechtsextreme und antisemitische Positionen etwa lehnen die Befragten überwiegend ab:

Zitat: „Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß.“

Dieser Aussage stimmen nur 2,1 Prozent der Demonstranten zu, und das immerhin weniger als in der deutschen Gesamtbevölkerung. Zugleich gibt es große Zustimmung für antisemitische Ansichten – wenn sie etwas anders formuliert sind.

Zitat: „Die Zionisten haben sich weltweit an die Hebel der Macht gesetzt und lassen nun Politik, Börse und auch die Medien nach ihrer Pfeife tanzen.“

Mehr als 27 Prozent können mit diesem Satz durchaus etwas anfagen. Also nicht gegen Juden sein, aber gegen Zionisten – das passt nicht zusammen. Protestforscher Dieter Ruch mit einer möglichen Erklärung:

„Es gibt das Bewusstsein für die soziale Nicht-Erwünschtheit bestimmter Antworten – die Leute antworten nicht ehrlich, sind vorsichtig, und das mag auch in dieser Befragung eine Rolle gespielt haben.“

Viele der Befragten lehnen außerdem nationale oder religiöse Gruppen nicht explizit ab und würden sich selbst nie als antisemitisch bezeichnen – sind aber sehr offen für Verschwörungstheorien und Verschwörungsideologien, und wenn die dann antisemitisch sind, stört das niemanden. Protestforscher Dieter Ruch weiter:

„Es ist so, dass es eine Gleichgültigkeit gegenüber bestimmten politischen Statements gibt. Man will nett sein und da ist dann vieles toleriert, was eigentlich nebeneinander gar nicht stehen kann, weil das eine das andere ausschließt.“

Beispielsweise auch Reden von nationalistischen und antisemitischen Rednern. Und hier offenbaren sich auch erschreckende Schnittmengen: mehr als 30 Prozent der Befragten wünschen sich einen Führer, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert. Dieter Rucht:

„Die Gefahr besteht darin, dass Leute manipuliert und instrumentalisiert werden. Sobald jemand sagt, „Ich weiß, wo es langgeht! Ich habe die richtigen Einschätzungen und Parolen – folgt mir nur!“, wird ein Teil der Leute diesem auch nachlaufen.“


Alle Ergebnisse der Befragung des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung am Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin zu den „Demonstranten der Montagsmahnwachen“ findet ihr im Netz: protestinstitut.eu.

Redaktion

Julia Oberlohr
Spezialgebiet: Kultur, Politik, Stadtleben und alles, was sonst noch so anfällt.

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