Foto: Pramudiya
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Reste-Supermarkt The Good Food

▷ Letzte Änderung: 2017-03-15
By Nina [FluxFM] |

Weltweit werden jeder zweite Kopfsalat und jede zweite Kartoffel schon bei der Ernte aussortiert, jedes fünfte Brot muss ungekauft entsorgt werden. Initiativen wie Foodsharing versuchen gegen die Lebensmittelverschwendung anzugehen, indem sie noch essbare Lebensmittel weiter verteilen. Das Projekt The Good Food will jetzt noch direkter an die Hersteller herantreten und auf das Problem aufmerksam machen. FluxFM-Redakteurin Aysche Wesche hat sich’s angeguckt:


Wer sagt eigentlich, dass Bier nach sechs Monaten abgelaufen ist? Richtig, niemand! Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist im Gegensatz zum Verfallsdatum nicht nur eine bloße Empfehlung, sondern es wird nicht mal durch eine Behörde bestimmt. Während sich also Hersteller A denkt „ich datiere mein Bier mal auf drei Monate“, hält das von B mindestens zehn Monate. Finde den Fehler.

Nicole Klaski hat deshalb The Good Food gegründet, den ersten Supermarkt ausschließlich für abgelaufene Lebensmittel:

„Das war son Bamms, weil ich gesehen hab, wie viel eigentlich auf den Feldern liegen bleibt. Ich hab eine Nachernte bei einem Bauern gemacht und da hat der erzählt, es blieben total viele gute Lebensmittel liegen, nur weil die zu klein oder zu groß gewachsen sind. Das war so ein Erlebnis, bei dem ich sagen würde, da muss irgendwas passieren.“

Philipp und Nicole von The Good Food

Philipp und Nicole von The Good Food

Los geht’s mit Marktständen, später zwei Pop-up Stores als Spielwiese und Testlauf. Und mit The Good Food macht sie jetzt Ernst. Ein kleiner Laden mitten in Köln-Ehrenfeld. In großen Regalen liegen Gemüse, Obst, Kekse, Brot oder auch Kokosöl – je nachdem, was gerade reinkommt. Nur von verderblichen Lebensmitteln wie Fleisch, heißt Essen mit Verfallsdatum, lässt sie natürlich die Finger. Die Kunden zahlen dafür, was sie für angemessen halten.

Und die Idee kommt an. Bester Beweis: der Laden trägt sich von Anfang an selbst – kein Crowdfunding, kein Kredit und auch Nicoles Oma und Opa mussten nie zur Geldbörse langen. Montags oder dienstags geht’s meist zur Nachernte aufs Land, dann bleibt der Laden geschlossen. Viele Hersteller und Produzenten liefern ihre Waren aber auch frei Haus:

„Wir haben auch Backwaren vom Vortag und jetzt haben wir gerade super viel Kokosnussöl oder Chia Samen-Keimlinge im Sortiment. Bier ist total der Knüller. Ist anscheinend eine Sache, die abläuft, aber so nicht schlecht wird. Denn so ein Lagerbier – so versichern uns auch die Hersteller – wird hauptsächlich malziger im Geschmack und nicht schlecht.“

Manche Hersteller testen die Lebensmittel sogar extra, bevor sie an The Good Food gehen. Die Verantwortung liegt trotzdem bei Nicole und ihrem Team. Mit kleinen Schildern wie „Abgelaufen aber lecker“ informieren sie die Menschen darüber, das ist Pflicht:

„Spielt uns auch ganz gut zu, denn wir wollen ja gerade sagen, dass die Lebensmittel abgelaufen aber nicht schlecht sind. Und das Zweite ist natürlich die Haftung. Die Haftung liegt beim „Im-Verkehr-Bringer“ und das sind wir. Das ist es uns wert, weil sonst diese ganzen wunderbaren Lebensmittel im Müll landen würden.“

Dass sie damit weder die Welt rettet, noch die globale Lebensmittelverschwendung stoppt, ist Nicole klar. Sie will vielmehr ein politisches Zeichen setzen:

„Denn es läuft ja grundsätzlich auf einer ganz anderen Ebene was falsch. Und es bringt eigentlich nichts, dass wir jetzt so einen Abzweigkanal für Verschwendung etablieren und aufmachen, sondern es muss noch ganz woanders etwas passieren. Das ist zum einen in der Politik: man könnte mal über das Mindesthaltbarkeitsdatum sprechen – ist das sinnvoll, ist das nicht sinnvoll. Oder auch gucken, auf welchem Weg wird eigentlich was verschwendet.“

The Good Food macht einen Anfang und selbst ihre Reste landen noch auf dem Teller – ein Koch im Team sorgt dafür – mit einem Reste-Reste-Essen, wenn man so will.

 

Wenn ihr euch den Laden mal angucken wollt, geht auf the-good-food.de. Nicole und ihr Team freuen sich auch, falls ihr die Idee super findet und etwas Ähnliches aufziehen wollt. Darum geht’s ihnen schließlich: die Idee unters Volk zu bringen. Falls ihr Hersteller seid oder kennt, die The Good Food mit Lebensmitteln unterstützen können, meldet euch einfach beim Team. Egal ob aus Köln oder Berlin.

Redaktion/Moderation

Aysche Wesche
Wortredaktion
Spezialgebiet: Stadtleben, Politik und Kultur.
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Ein Kommentar

  1. Ria says:

    Liebe Aysche,
    vielen Dank für deinen interessanten Beitrag. Eine solche Iniative ist absolut lobenswert und sinnvoll. Es ist traurig, wie viel Obst und Gemüse weg geworfen wird, weil es nicht perfekt aussieht oder andere Lebensmittel, weil kein Verständnis für die Bedeutung des MHD da ist oder eben niemand auf die riesige Auswahl verzichten will.
    Es ist jedoch etwas einseitig zu sagen, das MHD sei beliebig fest gesetzt und völlig ohne Bedeutung. Das MHD dient dem Verbraucherschutz und wird vom Hersteller (ja, ich arbeite in der Lebensmittelindustrie ;)) in oft aufwändigen Tests ermittelt. Bis zum Ende des MHD garantiert der Hersteller dem Konsumenten eine gewisse Qualität, was zunächst ja etwas positives ist. Die Qualität jedes Lebensmittels nimmt über die Zeit ab. Hier geht es meistens um Geschmack oder Inhaltsstoffe (z.B. Vitamine), selten um Verderblichkeit (anders als beim Verbrauchsdatum). Und es ist ein Stück Fairness, dem Konsumenten nicht vor zu gaukeln, ein 12 Monate altes Bier schmeckt noch genauso wie ein frisches. Wichtig ist die Aufklärung, Und da leisten solche Iniativen einen wertvollen Beitrag.
    Besten Gruss und ein schönes Wochenende aus Basel nach Berlin!
    Ria

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