Viel Licht und auch ein wenig Schatten: Shearwaters Album "Jet Plane And Oxbow"

Shearwater – Jet Plane And Oxbow | Spätzünder

▷ Letzte Änderung: 2017-06-14
By Fabian [FluxFM] |

Es ist überall so, nicht zuletzt bei der Musik: Manchmal braucht man einfach länger. FluxFM Spätzünder beschäftigt sich deshalb mit Alben, die uns erst auf den zweiten Hördurchlauf so richtig ans Herz gewachsen sind. Egal, ob’s um alte Perlen oder aktuelle Beats geht, schließlich kennt auch die Liebe auf der zweiten Rille kein Alter. Diesmal beschäftigen wir uns mit:

Shearwater – Jet Plane And Oxbow

Eigentlich als Nebenprojekt von Okkervil River gegründet, gibt es Shearwater nun bereits seit 15 Jahren. Aber zu so richtigen Helden des Indie Rock sind die Texaner noch nicht geworden. Vielleicht liegt es daran, dass ihr letztes Album Jet Plane And Oxbow, das im Januar 2016 erschien, nicht wirklich in der Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit angekommen ist. Obwohl es das wirklich verdient hätte. Auch bei FluxFM-Redakteur Fabian Broicher hat es länger gedauert. Deswegen hat er sich mit der Platte im Rahmen unserer Spätzünder-Reihe etwas ausführlicher beschäftigt.

Wer lieber hört als liest, kann den Beitrag hier mitsamt musikalischen Kostproben anhören:

Zwar beginnt die Platte mit einer Sequencer-Melodie, die ein unbestreitbares Flair der achtziger Jahre umgibt und genau so gut vom Soundtrack der tollen Netflix-Serie Stranger Things stammen könnte. Aber recht schnell wird klar, dass eine wirklich zeitgemäße Produktion dahinter steckt. Allerdings ganz im Geiste der großen Künstler, die im vermeintlich eher oberflächlichen 80ies-Kosmos etwas Hirnschmalz in die Popmusik gepumpt haben, etwa David Bowie oder Talk Talk. Das macht zwar durchaus eine Faszination von Jet Plane And Oxbow aus, aber eben nur eine von vielen.

Denn natürlich steckt viel mehr dahinter, wie eigentlich immer bei den Songs von Frontmann Jonathan Meiburg. Neben seiner Karriere als Musiker ist er leidenschaftlicher Ornithologe und bereist die Wildnis, um skurrilen Tierarten näherzukommen. Daher auch der Bandname Shearwater, der auf deutsch übersetzt so viel wie Sturmtaucher bedeutet. Daher auch die verkopften Themen in der Vergangenheit über Natur, Wildheit und animalische Instinkte.

Mit Jet Plane And Oxbow wählten Shearwater jedoch einen etwas urbaneren Ansatz. Meiburg wählte dafür Texte aus, die direkter und auch politischer anmuten. So ist der damals vorab veröffentlichte Song Quiet Americans eine krasse Abrechnung mit seinem Heimatland Amerika geworden.

Deswegen ist die Platte auch so was wie ein „Breakup Letter“ geworden, durchzogen von einer Art Hassliebe auf ein Land, das selbst voller Widersprüche steckt. Und genau diese Ambivalenz setzen Shearwater hervorragend um. Oft lässt Meiburg seine Wut zu monoton-rotzigen Krautrock-Rhythmen raus. Dann wieder klingt die Band ganz anders. Sanft, akustisch, beinahe schon folkig. In solchen Momenten reflektiert der Songwriter dann die Schönheit des Landes, wenn er wie in Pale Kings über Freiheit, die Stille und das Meer singt.

So ganz haben Shearwater ihre nerdige Art zwar nicht abgelegt, allerdings blitzen auf Jet Plane And Oxbow immer mal wieder Momente von regelrecht bezaubernder Schönheit durch, in denen Meiburg einfach nur die Wahrheit auf den Punkt zu bringen scheint: You’ve got your mother’s eyes/ You’ve got your father’s heart/ Look what it did to him… (red. Anm.: Am Schluss des Songs Wildlife In America)

Mit Jet Plane And Oxbow ist Shearwater ein Album voll versteckter Schönheit gelungen, dass voll kleiner, liebevoller Details steckt, sodass es auch nach dem x-ten Hören nicht langweilig wird. Dabei ist es allerdings auch eingängig genug, dass man nicht direkt schreiend davonläuft, begegnet man der Platte zum ersten Mal. Und es ist auch ein Stück weit universell, wie eben das Leben. Es gibt eben viel Licht, aber auch ein bisschen Schatten.

Am Schluss jedoch herrscht Dunkelheit: Oh mama/ The light is so bright/ The dark is so dark (red. Anm.: Die letzten Zeilen auf dem Closer, Stray Lights At Clouds Hill, die allerdings auch in abgewandelter Form ganz am Anfang in Prime auftauchen)

Onlineredaktion

Fabian Broicher
Spezialgebiet: Website, Progressive Rock & Energy-Drinks.

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