Das ist ein wirklich schönes Reetdach.

Turaluralu: Reetdachdecker

▷ Letzte Änderung: 2014-06-03
By Diana Hagenberg [FluxFM] |

In unserer Rubrik Turaluralu stellen wir Euch in unregelmäßigen Abständen junge Leute vor, die ein altes Handwerk ausüben. Vergangenes Mal ging es um einen Schuhmacher aus Kreuzberg. Diese Reportage hat ein anderer Handwerker bei der Arbeit gehört und uns daraufhin eingeladen, auch ihn mal zu besuchen – auf seinem luftigen Arbeitsplatz. Auch er ist jung, macht einen Job mit viel Tradition und ist damit noch einzigartig in Berlin. Zarah-Louise Roth ist für euch auf’s Dach gestiegen.


„Hallo, ich bin Marco, bin 38 Jahre alt. Mein Beruf ist der Reetdachdecker. Ich komme ursprünglich aus dem Spreewald, da hab ich den Beruf auch gelernt. Ich bin dann allerdings ein bisschen durch Europa gereist: Frankreich, Belgien, Holland. Ich mach das jetzt seit 2004 selbstständig. Wir haben ganz gut zu tun!“

Marco Weichert ist der einzige Dachdecker Berlins, der mit Schilfrohr arbeitet. Das mittlerweile dreiköpfige Unternehmen Weichert Reetbedachungen & Ökobau GmbH ist bis ins nächste Jahr hinein ausgebucht. Bei reetgedeckten Häusern denkt man an charmante, teure Land- oder Bauernhäuser. Doch heute werkelt Marco an einer kleineren Nummer herum:

„Das ist hier das Rinderrevier im Berliner Zoo – das ist ein Stallgebäude von Rothaarbüffeln. Die leben schön unter einem kühlen Reetdach.“

Dächer aus Schilfrohr halten im Sommer schön kühl und im Winter kuschelig warm. Der Rohstoff ist zu 100 Prozent ökologisch, nachwachsend und schön anzusehen. Weicherts Dächer findet man an den unterschiedlichsten Orten in Berlin. Er führt aus:

„Wir haben auf der Pfaueninsel eigentlich alles an Reet eingedeckt. Im Schloss Bellevue waren wir im letzten Jahr beim Bundespräsidenten. Außerdem dann gab es einige Filmprojekte.“

In Babelsberg hat Marco Weichert schon Reetdächer für Regisseur Roland Emmerich gebaut. Wie bei jedem guten Handwerk hat die Qualität natürlich ihren Preis:

„Viele Leute sagen immer, es wäre ein Dach für Millionäre. Aber wenn ich einen schönen Tonziegel drauflege, mit Kupferrinne, dann komme ich preislich etwa genauso hin. Das ist natürlich ein gehobener Standard. Gegen den billigen Betondachstein kann ich nicht konkurrieren.“

Zu tun gibt es trotzdem genug. Bei Regen wird nicht gearbeitet, aber dafür im Sommer. Im Winter hat man frei. Erst absolviert man die Ausbildung zum klassischen Dachdecker. Dann erst lernt man, wie man Schilf auf’s Dach bringt. Marco Weichert sagt:

„Drei vier Monate dauert die Ausbildung zum Dachdecker speziell auf Reetdachdeckungan an der Fachschule in Lübeck. Das ist die einzige Schule. Letztes Jahr waren es – glaube ich – nur zwei Teilnehmer. Leider. Soviel zum Nachwuchsproblem.“

v.l.n.r.: Hakennadel, Vorstecker, Lochnadel, Vorlege- und Bindedraht & quer drüber das wichtigste Werkzeug, das Klopfbrett!

v.l.n.r.: Hakennadel, Vorstecker, Lochnadel, Vorlege- und Bindedraht & quer drüber das wichtigste Werkzeug, das Klopfbrett!

Meister Weichert würde auch gern ausbilden – nur gute Lehrlinge sind schwer zu finden. Der Familienvater findet es schade, dass man so ein altes Material und den Beruf langsam vergisst und möchte daher etwas dagegen tun. In Holland und Belgien hat er sich inspirieren lassen:

„Diese Dachbedeckung wird dort in die Moderne getragen. In Holland und Belgien werden die abgefahrensten Konstruktionen mit Reet eingedeckt. Daher habe ich mir zum Ziel gesetzt, dass auch in Deutschland zu etablieren oder zumindest salonfähiger zu machen.“

Was ein Vollblut-Dachdecker ist, zeigt sich bei Marco Weichert auch schon mal im Familienurlaub:

„Es kam schon mal vor, dass ich mit meiner Familie nach Dänemark gefahren bin, um Urlaub unter einem Reetdach zu machen und mir dann das Elend nicht angucken konnte und eine kleine Reparatur vorgenommen habe. Es gab natürlich ein paar böse Blicke von meiner Frau, aber dafür konnten wir noch zwei Tage umsonst dranhängen.“


Wenn ihr mehr über diese ökologische Bauart erfahren wollt, oder vielleicht sogar auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz seid, geht auf www.reetdach-berlin.de.

Redaktion

Zarah-Louise Roth
Wortredaktion
Spezialgebiete: Weltverbesserung, Festivals, Essen.

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