"High mountains, a rainbow, the moon and stars" (Bildausschnitt) Credit: van Eeden
"High mountains, a rainbow, the moon and stars" (Bildausschnitt) Credit: van Eeden

VERMISST Der Turm der blauen Pferde von Franz Marc | Radio Arty

▷ Letzte Änderung: 2017-03-06
By Sophie [FluxFM] |
Im Radio:
2. März 2017, 19 Uhr
6. März 2017, 24 Uhr

Radio Arty Logo Diese Woche sind Marcel van Eeden und Martin Assig zu Gast bei Radio Arty. Beide suchen gemeinsam mit anderen KünstlerInnen blaue Pferde im Haus am Waldsee und unterhalten sich mit Oberflüsterer Yaneq.

Assig und Marcel van Eeden

Martin Assig und Marcel van Eeden sind Teil der Gruppenausstellung VERMISST Der Turm der blauen Pferde von Franz Marc (3. März bis 5. Juni 2017) im Haus am Waldsee. Seit Jahrzehnten geht das Gerücht um, dass Der Turm der blauen Pferde (1913) von Franz Marc nach dem Zweiten Weltkrieg zuletzt im Haus am Waldsee gesehen wurde. Über seinen Verbleib wird spekuliert.

Martin Assig

Martin Assig führte seine 2009 begonnene Serie St. Paul im Sommer und Herbst 2016 als Recherche in vier Teilen zum Turm der blauen Pferde fort. Bereits in früheren Zeichnungen formulierte der Künstler seine inneren Gespräche in ornamentalen, sprechenden Bildern. Seine Arbeiten nähren sich aber auch wesentlich aus religiösen Traditionen, Folklore und Ritualen, aus dem Körperbewusstsein, der Kunstgeschichte, der Literatur, der Musik und der Philosophie.

Mit St. Paul #785, einer von vier Gouachen, nimmt Assig das Thema, das Franz Marc ihm vorgibt, wörtlich auf. Assig zeigt das Mauerwerk eines blauen Turmes und einen Reiter, der sich im Galopp aufwärtsbewegt. Durch die Wahl des Turmes als zentralem Motiv verweist Assig auf das Abgeschlossensein der Künstlerexistenz, wie sie etwa im Hölderlin- oder Elfenbeinturm ein Sinnbild findet. Das Turmmotiv spielt bewusst auch auf die Legende der heiligen Barbara an, die um ihres starken Glaubens willen in jungen Jahren ein Martyrium im abgeschlossenen Turm ertragen musste. Assig denkt aber auch an Rapunzel, die im Grimmʼschen Märchen im türlosen Turm nur deshalb überlebt, weil sie, wie auf dem großformatigen Blatt, ihr Haar aus dem Fenster herunterlässt. Mit der Farbe Blau verweist der Künstler auf die Idee der Romantik sowie das Geistige, für das die Farbe auch beim Blauen Reiter symbolisch steht. Wie auf einer Lebensleiter prescht in der Bildmitte ein Reiter mit Pferd aufwärts. Darunter wendet sich das Bild mit einer Inschrift unmittelbar an seinen Betrachter und fragt: „Werde ich unsichtbar?“ Die Bedingungen der Existenz, die wegen ihrer Überzeugungen ausgegrenzt wird, sind das zentrale Thema dieses Blattes.

Marcel van Eeden

Das Haus am Waldsee war bereits früher Teil einer Serie von Zeichnungen Marcel van Eedens, als der Künstler 2006 das Haus als Statthalter für einen Ausstellungsort moderner Kunst der 1950er-Jahre in seinen Erzählkosmos aufnahm. Bis heute sind alle weiteren Serien inhaltlich miteinander verbunden und beziehen teilweise dasselbe Personal ein. Konsequent nimmt van Eeden auch in dem neuen Erzählstrang zum Verlust des Gemäldes Der Turm der blauen Pferde die Zeiten vor seiner Geburt in den Fokus. Er beschwört damit weiter Geschichten herauf, die vor der eigenen Lebenszeit liegen. Dieser Zeitraum gleicht nach van Eedens Ansicht dem eigenen Tod. Der Unterschied zu herkömmlichen Auffassungen besteht darin, dass die vergangenen Geschichten Gewissheit suggerieren, weil sie dokumentiert sind, während über die Zeit nach dem eigenen Ableben nur spekuliert werden kann.
In der neuen Serie High Mountains, a Rainbow, the Moon and Stars greift van Eeden wieder die Ästhetik des Stummfilms und des Film Noir auf. Ähnlich einem Storyboard verweben sich 26 zumeist schwarz-weiße Zeichnungen zu einer komplexen Begebenheit. Dabei wird keine lineare Erzählung bebildert, sondern der Betrachter folgt den Protagonisten der 1930er-Jahre zu unterschiedlichen Orten, Treffen und in diverse soziale Kreise. Die Geschichte macht Sprünge, vermischt Zeitebenen und Erzählperspektiven. So stehen kurze Wortwechsel neben knappen Aphorismen. Das Gemälde von Franz Marc taucht in der Bildfolge zweimal auf. Diese beiden Blätter sind die einzigen farbig gefassten Zeichnungen der Serie. Genauso plötzlich, wie es erscheint, verschwindet das berühmte Bild wieder, um auf mysteriöse Weise mit dem Nachtzug in die unendlichen Variationen einer möglichen Vergangenheit einzugehen. Die gesamte Geschichte hat van Eeden aus unterschiedlichen Originalquellen zusammengefügt, so dass sowohl die Bilder als auch alle Dialoge und Figuren, die in der Vergangenheit als reale Menschen existierten, nun mit dem Gemälde von Franz Marc durch die künstlerische Inszenierung kurzzeitig zu neuem Leben erweckt werden.

Moderation

Yaneq
Ist zu hören bei Radio Arty.

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