JJerome87 - The Canyon | Album der Woche
Album der Woche: "The Canyon" von JJerome87

JJerome87 - The Canyon | Album der Woche

Zwischen Fiktion und Eltern-Dasein

28.06.2026 Daniel Meinel

Von der gemütlichen britischen Indie-Blase direkt in die drückende Hitze von Los Angeles: Joe Newman, den meisten bestens bekannt als die markante Stimme von alt-J, wagt mit seinem neuen Solo-Alias JJerome87 den Schritt aus der Komfortzone. Auf seinem Solo-Debüt The Canyon liefert er einen cineastischen Roadtrip durch Vintage-Hollywood, tiefen Blues und intime Familienmomente.

Raus aus der Band-Bubble, rein nach L.A.

Eigentlich hätte Joe Newman nach dem letzten alt-J-Album The Dream (2022) ganz entspannt die Füße hochlegen können. Aber der kreative Motor lief weiter. Die neuen Songskizzen fühlten sich jedoch anders an: souliger, bluesiger, roher. Es war klar, dass diese Tracks ein neues Zuhause brauchten, weit weg von den typischen Laptop-Produktionen und vertrauten Band-Strukturen.

Rezension I

JJerome87 - The Canyon

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Unter dem Pseudonym JJerome87 packte Newman seine Sachen und flog nach Los Angeles. Das Ziel? Er wollte an den Ursprung dieses Sounds. Gemeinsam mit Produzent Carlos de la Garza (u.a. Paramore, Bad Religion) trommelte er eine Band aus brillanten Session-Musiker:innen und ein Trio von Motown- und Gospel-Sängerinnen zusammen. Das Ergebnis ist ein analoges Meisterwerk mit echtem "Wrecking Crew"-Vibe. Die Tracks wurden größtenteils live im Raum eingespielt – was man dem organischen, wärmenden Sound der Platte in jeder Sekunde anmerkt.

"Es fühlte sich irgendwie unangenehm an, in einem Raum voller Väter einen Song exklusiv über meine eigene Tochter zu schreiben. Da dachte ich mir einfach: Das hier ist eigentlich nichts für die Band. Das hat mich in der Idee bestärkt, dass es besser ist, das alleine durchzuziehen."

Kafkaeske Verwandlungen und die nackte Wahrheit

Inhaltlich ist "The Canyon" ein irrer Spagat. Auf der einen Seite serviert uns Newman tiefgehende, fast filmische Charakterstudien. Da gibt es zwielichtige Prediger im Jim-Jones-Stil ("Mr. Alligator") oder absurde Geschichten über soziale Metamorphosen: In der Vorab-Single "Brush Me Like A Horse" (übrigens veredelt von Hollywood-Gitarren-Legende George Doering) geht es um einen Mann, der sich in ein Pferd verwandelt – inspiriert vom plötzlichen Rufverlust eines Freundes.

Auf der anderen Seite bricht in all dieser Fiktion immer wieder das echte, pure Leben durch. Im Song "Two Hearts" verarbeitet er die Geburt seiner Tochter auf unfassbar intime Weise: Unterlegt mit echten Field-Recordings – vom ersten Ultraschall bis zum Moment, in dem sie zwei Jahre später zum ersten Mal eine alt-J-Show besucht – baut er eine musikalische Timeline auf, die selbst den härtesten Indie-Herzen feuchte Augen bescheren dürfte.

Im Radio: 29. Juni - 5. Juli2026