
Dua Saleh - Of Earth & Wires | Album der Woche
Postapokalypse Now
17.05.2026 Micha Gehrig
Was passiert, wenn die Welt, wie wir sie kennen, zusammenbricht und die Natur sich zwischen Kabeln und Maschinen ihren Platz zurückerobert? Es ist ein klassisches Science-Fiction-Szenario, das Dua Saleh auf dem neuen Album „Of Earth & Wires“ in ein musikalisches Meisterwerk übersetzt. Doch hinter der dystopischen Fassade verbirgt sich eine hochaktuelle, zutiefst persönliche Auseinandersetzung mit Identität, Krieg und der Bedeutung von Heimat.
Das gedankliche Konstrukt der Platte gleicht einem postapokalyptischen Skript: Zwei Liebende finden sich in einer Welt wieder, die von Kapitalismus und Künstlicher Intelligenz an den Rand des Abgrunds getrieben wurde. Sie haben Drohnen, Bombenangriffe und lückenlose Überwachung überlebt. Doch nun stehen sie in den Trümmern und fragen sich: Wie war die Erde früher? Was war unser Zuhause? Und wie sollen wir das alles gemeinsam überstehen?
Dua Saleh - Of Earth & Wires
Rezension I
Für Dua Saleh ist dieses Szenario weit mehr als nur Fiktion. Aufgewachsen im amerikanischen Mittleren Westen mit sudanesischen Wurzeln, beobachtet Dua Saleh den realen Krieg im Sudan aus der Ferne. Ein Konflikt, der sich exakt so anfühlt, als würde die eigene Welt kollabieren.
Die systemische Gewalt und das Leid im Sudan haben direkten Einfluss auf das Album genommen. „Vieles davon erinnert mich sehr deutlich an meine Familie“, erklärt Dua Saleh. Es geht um Menschen, die nicht fliehen können, weil das Geld fehlt, oder die nicht fliehen wollen, aus Angst, ihr kulturelles Erbe zu verlieren. „Of Earth & Wires“ ist somit auch eine intensive Reflexion über die eigene Kernfamilie und die Frage, wie man fernab der Heimat den Zugang zur eigenen Identität bewahrt.
Musikalisch beantwortet Dua Saleh diese Fragen nach Identität und Herkunft durch einen faszinierenden Kontrast. Auf dem Album verschmelzen traditionelle sudanesische Folk-Elemente und Instrumente aus dem Nahen Osten – wie die Kurzhalslaute Oud – mit warmen R&B-Strukturen. Gleichzeitig prallen diese organischen Klänge immer wieder auf harte, synthetische Effekte. Diese klangliche Dualität spiegelt den zentralen Konflikt des Albums wider: Die rohe Natur, die sich gegen eine unkontrolliert voranschreitende Technologie auflehnt.
Trotz der thematischen Schwere ist die musikalische Vielschichtigkeit überraschend spontan und spielerisch entstanden. Ohne Druck und konkrete Ziele arbeitete Dua Saleh mit befreundeten Musikschaffenden in der alten Heimat Minnesota zusammen.
Darunter auch Justin Vernon von der Band Bon Iver, der die organische Atmosphäre in den Sessions maßgeblich prägte. Die Stimmung im Studio beschreibt er als unbeschwert und frei: „Sie haben im Studio so eine kindliche Ausstrahlung. Ich dachte mir: ‚Ihr Kinder, habt Spaß!‘ Ich sitze einfach hier, weil ich gerade zu deprimiert bin.“ Genau diese Leichtigkeit in der Produktion bildet das dringend benötigte Fundament, um die existenziellen Themen des Albums tragen zu können. Sie gibt dem Publikum eine Verschnaufpause, um sich ganz auf die Emotionen einzulassen.
„Als wir im Studio waren, war das alles sehr organisch. Ich habe sie beinahe als meine Kinder betrachtet, weil sie wie Kinder wirkten. Nicht im eigentlichen Sinne, aber sie haben im Studio so eine kindliche Ausstrahlung. Ich dachte mir: „Ihr Kinder, habt Spaß!“ Ich sitze einfach hier, weil ich gerade zu deprimiert bin. Aber vieles davon bestand einfach darin, dass ich die Sachen einfach hab geschehen lassen.“
Trotz der düsteren Prämissen von Krieg, Isolation und Weltuntergang weigert sich „Of Earth & Wires“ beharrlich, in Resignation zu verfallen. Das Album schließt mit einem kraftvollen Zeichen der Hoffnung, für das Dua Saleh die Dichterin aja monet ins Studio holte. Dass am Ende des Albums eine Schwarze Frau das Wort ergreift, war für Dua Saleh eine bewusste und heilende Entscheidung, die nach dem intensiven Entstehungsprozess tiefen Trost spendete.
„Of Earth & Wires“ ist ein musikalischer Neuanfang aus den Trümmern. Es ist die Suche nach Heimat und ein flammendes Plädoyer für die Liebe und den Überlebenswillen des menschlichen Geistes.
Hier könnt ihr unser Album der Woche als Vinyl-Version gewinnen.
Im Radio: 18. Mai - 24. Mai 2026
