ESNS 2026 | Festival-Recap

ESNS 2026 | Festival-Recap

Der Sound von Morgen

20.01.2026

Grauer Himmel, Backsteinbauten und Grachten: Groningen im Januar ist eigentlich der Ort, an dem man sich mit einer heißen Chocomel verkriechen möchte. Eigentlich. Denn einmal im Jahr verwandelt sich die niederländische Studentenstadt in das pulsierende Herz der europäischen Musikszene. Das Eurosonic Noorderslag (ESNS) 2026 ist Geschichte – und es war wieder diese wilde Mischung aus Klassenfahrt, Trendscouting und purer Euphorie. Wir haben uns die Nächte um die Ohren geschlagen, um euch die Sounds mitzubringen, die den Flux-Äther dieses Jahr prägen werden.

Dove Ellis - Der Hype ist real

Manchmal spürt man es schon beim Reinkommen: Hier passiert gerade etwas Großes. Bei Dove Ellis war das genau dieser Moment. Die Schlange vor der Venue zog sich einmal um den Block, und wer das Glück hatte, noch reinzurutschen, bekam die volle Bandbreite dieses heiß gehandelten Newcomers. Selbst Königin Maxima, die das Festival in der offiziellen Opening Ceremony feierlich eröffnete, hat sich - geschützt durch royal-rotes Absperrband - drei Songs angeschaut. Sie war mit Sicherheit genau so begeistert, wie alle anderen im Raum. Als Trio reproduzieren Dove Ellis den eklektischen Sound des Albums live mit einer Sicherheit, die nicht erahnen lässt, dass sie gefühlt erst seit vorgestern auf der Bühne stehen.

Die britische Newcomerin Heidi Curtis hat eine Bühnenpräsenz, für die andere Jahre brauchen. Rotzig, direkt und mit einem Sound, der irgendwo zwischen nostalgischem Indie-Rock und modernem Pop-Appeal balanciert. Der Laden war brechend voll, die Luft stand, und Curtis hat geliefert, als würde sie schon seit zehn Jahren Headliner-Slots spielen.

Kirchen-Gänsehaut & Folklore-Loops

Jedes ESNS wartet jede Saison mit ganz speziellen Momenten auf - das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Und Kirche ist ein gutes Stichwort.

Das Konzert von neomí fand in einer Kirche statt – und passender hätte das Setting nicht sein können. Wenn neomi mit ihrer Band loslegt, entsteht ein folkiger Indie-Sound, der riesige Räume füllt, ohne laut sein zu müssen. Zwischen den hohen Kirchenschiffen, im schummrigen Licht, war das einer dieser seltenen Festival-Momente, in denen man kurz vergisst, auf die Uhr oder das Smartphone zu schauen. Sehr emotional, fast schon spirituell und definitiv ein Sound für die großen Gefühle.

Ein Heimspiel in der Ferne hatte Ganna. Die in Berlin lebende Ukrainerin hat gezeigt, wie man Tradition komplett neu und radikal denkt. Sie verwebt ukrainische Folklore mit Jazz, loopt ihre Stimme zu dichten Klangteppichen und bricht das Ganze mit experimentellen Beats auf. Das ist politisch, schmerzhaft schön und musikalisch so virtuos, dass es jeden im Raum mitriss, obwohl niemand auch nur ein Wort verstand.

Dressed Like Boys aus Belgien schwappt seit 2025 mit queerem Indiepop-Sound zu uns rüber, der einfach Spaß macht, ohne flach zu sein. Das sind Songs über Identität, über das Suchen und Finden, verpackt in Melodien, die man sofort mitsummen will. Authentisch, charmant und mit einer herrlich unprätentiösen Attitude auf der Bühne.

MME Awards 2026: The Winner Takes It All

Ein Pflichttermin beim ESNS ist die Verleihung der Music Moves Europe Awards. Oft sind Award-Shows ja eine zähe Angelegenheit – diese hier nicht. Kurzweilig, gute Vibes und ein Fokus auf das Wesentliche: die Musik.

Der Abend gehörte dabei ganz klar einer Frau: Lia Kali.

Die Spanierin hat das Kunststück vollbracht, sowohl die Fachjury als auch das Publikum komplett zu überzeugen. Sie räumte den Hauptpreis, den Grand Jury MME Award, UND den Public Choice Award ab. Musikalisch mischt sie Urban-Sounds mit Flamenco-Einflüssen und einer Stimmgewalt, die Wände einreißen kann. Ein absolut verdienter Doppelsieg.

Ebenfalls ausgezeichnet und dick im Notizbuch unterstrichen:

Camille Yembe (Belgien) – Stimmgewaltiger Soul-Pop
Carpetman (Ukraine) – Elektronisch und treibend
Della (Zypern) – Spannender Pop-Entwurf
Sarah Julia (Niederlande) – Heimspiel-Heldinnen
Sofie Royer (Österreich) – Barock-Pop trifft Wiener Schmäh

Abseits der Festivalbühnen hat Groningen mal wieder bewiesen, warum wir es so lieben. Die Stadt war voll, ja, aber der Vibe war unfassbar familiär. Kein aggressives Geschubse, keine Ellenbogen-Mentalität. Selbst wenn die Venues voll waren, blieb alles entspannt.

Und was wäre ein Groningen-Trip ohne die kulinarischen Klassiker? Wenn um 3 Uhr nachts der Magen knurrt, ist die "Muur" (die Wand mit den Snack-Automaten) der beste Freund des Menschen. Egal ob Bitterballen oder Burger – heiß und fettig muss es sein. Danach noch auf einen Absacker ins legendäre Oblomov oder den Irish Pub um die Ecke, um mit Kollegen und Musikfans über die besten Acts des Abends zu philosophieren.

Dass im Trubel auch mal ein Rucksack verloren geht, ist dann auch weniger das Problem, wenn die perfekte Organisation vor Ort Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um den wieder aufzutreiben.

Kaputt und glücklich, mit Ringen unter den Augen, aber vollen Herzen (und Playlisten) geht es zurück nach Berlin. 2026 wird musikalisch ein verdammt gutes Jahr – den Beweis haben wir in Groningen gehört.