
"Eine politische Bankrotterklärung" | Kommentar zur Causa Berlinale, Weimer und Tuttle
Kulturstaatsminister Wolfgang Weimer macht Druck auf die Berlinale - und stellt womöglich Intendantin Tricia Tuttle in Frage
26.02.2026 Ron Stoklas
Vor wenigen Tagen ist die 76. Berlinale zu Ende gegangen - kurz nach dem Ende ist sie wieder in den Schlagzeilen. Im Fokus: Festival-Intendantin Tricia Tuttle und Kulturstaatsminister Wolfgang Weimer. Letzterer will - so berichten verschiedene Medien - die Leiterin der Berlinale absetzen. FluxFM-Filmexperte Ron Stoklas dazu mit einem Kommentar.
Weimer gegen Tuttle - Politik gegen Kultur
Es brodelt - vor allem auf konservativer Seite - seit der Preisverleihung der 76. Berlinale am zurückliegenden Wochenende. Hintergrund ist der Auftritt des syrisch-palästinensischen Regisseurs Abdallah Alkhatib. In seiner Dankesrede hatte der Filmemacher von einer deutschen Mitverantwortung an einem Völkermord in Gaza gesprochen.
Es ist eine Rede, die Konsequenzen haben könnte, allerdings nicht für Alkhatib, sondern für Berlinale-Chefin Tricia Tuttle. Kulturstaatsminister Wolfgang Weimer hat am Mittwoch kurzfristig eine außerordentliche Sitzung des Aufsichtsrats der Berlinale-Trägergesellschaft des Bundes am Donnerstag anberaumt. In dieser soll es um die Vorkommnisse im Rahmen der Preisverleihung vom Wochenende und die Zukunft der Berliner Filmfestspiele gehen, hieß es in der Ankündigung.
Die Kritik am Vorgehen und der möglichen Absetzung von Tuttle ist laut. Ein offener Brief wurde von hunderten Film- und Kulturschaffenden aus aller Welt unterzeichnet - darunter Tilda Swinton, Todd Haynes, Sean Baker, Jella Haase, Tom Tykwer und der jüngste Berlinale-Sieger Ilker Çatak.
"Entlassung von Tuttle wäre politische Bankrotterklärung"
Sollten Kulturstaatsminister Weimer und die Berlinale Trägergesellschaft diesen Schritt wirklich gehen - und Tricia Tuttle entlassen -, wäre es eine politische Bankrotterklärung - und könnte das Ende der Berlinale bedeuten!
Wir sprechen von politischer Einmischung in ein Festival, das traditionell dafür steht, Kunstschaffenden die Möglichkeit zu geben, politische und gesellschaftliche Botschaften zu senden. Die geäußerte Kritik muss einem nicht gefallen, aber was gerade passiert, ist ein Tabubruch. Es geht um nicht weniger als den Umgang mit künstlerischer Freiheit und institutioneller Unabhängigkeit.
Diese Grenze wird aktiv verschoben. Es geht nicht um die Schaffung eines sicheren Raumes für Kunst und Meinungsfreiheit, sondern um die Kontrolle und Deutungshoheit dessen, was bei der Berlinale passieren darf - und was nicht. Und die Botschaft ist klar: Kultur ist gut, aber bitte nur, wenn sie mit unserer politischen Agenda übereinstimmt.
Update: Keine Entscheidung - Gespräche werden fortgesetzt
Update: Nach Angaben der Bundesregierung wurde im Rahmen der Sitzung am 26.02.2026 keine Entscheidung über die Zukunft von Intendantin Tricia Tuttle getroffen. Die Gespräche über die Ausrichtung der Filmfestspiele sollen allerdings in den kommenden Tagen fortgesetzt werden.
