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Das Paar Derya und Aziz gerät in den Fokus des Staates EllaKnorz ifProductions / Alamode Film

"Gelbe Briefe" - Ein Film als Spiegel des Weltgeschehens | Breitbild Filmkritik

05.03.2026 Ron Stoklas

Für Filmemacher İlker Çatak war die diesjährige Berlinale etwas ganz Besonderes. Mit Gelbe Briefe wurde der Berliner erstmals in den Wettbewerb eingeladen, am Ende hielt er sogar den Goldenen Bären für den besten Film in den Händen. Kurz nach dem Berlinale-Erfolg startet der Film am 05.03.2026 in den deutschen Kinos. FluxFM-Filmexperte Ron Stoklas mit der Kritik.

FluxFM-Kritik: Eine Familie im Blickpunkt des Staates

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Das Berliner Ensemble als Kulisse im Film "Gelbe Briefe" EllaKnorz ifProductions / Alamode Film

Eine eigene Meinung ist wichtig. Sie kann aber auch gefährlich werden. Zumindest dann, wenn sich ein autoritärer Staat an ihr stört. Das müssen auch Derya und Aziz erleben. Eigentlich sind sie ein gefeiertes Paar der Kunstszene in Ankara. Sie ist Schauspielerin am dortigen Theater, er Dramatiker und Uni-Professor. Alles ändert sich, als sie und viele ihrer Freunde per Brief ihre Suspendierungen erhalten. Für das Paar und ihre Tochter Ezgi bedeutet es den Anfang vom Ende ihres bis dahin privilegierten liberalen Lebens.

Derya: "Was ist den los? Könnt ihr mich mal aufklären bitte?"
Salih: "Wir wurden suspendiert. Wir alle. Unsere Kurse wurden gestrichen, die Einschreibungen wurden gestoppt und unsere Verträge wurden aufgelöst. Wir denken, dass vermutlich unsere Haltung zum Krieg der Grund ist."
Aziz: "Wir gehen morgen zur Rektorin."
Ezgi: "Was erwartet ihr den von der Rektorin?"
Aziz: "Was meinst du?"
Ezgi: "Sie hat den Brief doch unterschrieben."

Gelbe Briefe präsentiert in der Folge das Einmaleins der Arbeitsweisen autokratischer Staaten um Kritiker*innen mundtot zu machen: Überwachung, Diskreditierung, Ausgrenzung. Maßnahmen, die physisch und psychisch zerstören.

"Gelbe Briefe" - Berlin und Hamburg als Cast-Mitglieder

Zwar spielt die Story in der Türkei, gedreht wurde Gelbe Briefe aber in Deutschland. Genauer: in Berlin und Hamburg. Ein Fakt, der nicht versteckt wird. Viel eher verwandeln sich beide Städte in Mitglieder des Castes. Berlin übernimmt beispielsweise, trotz offen gezeigter gelber U-Bahn und Fernsehturm im Hintergrund, die Rolle der türkischen Stadt Ankara. Ein bewusster Kunstkniff von Regisseur İlker Çatak.

"Es ist ja oft so, dass man in der Filmkritik liest: Dabei spielt die Stadt eine ganz besondere Rolle. Oder: Die Musik ist ein eigener Charakter. Und da haben wir gedacht, warum führen wir das ganze nicht einen Schritt weiter und erklären die Stadt wirklich zu einer Rolle. Also Berlin als Ankara. Und ja, ich meine, wer einmal in Istanbul war, wird sofort die Ähnlichkeit zu Hamburg sehen. Die Möwen, Fähren, die Elbe, der Bosporus. Das erste Mal, als ich in Hamburg war, das war Anfang der 00er Jahre, da fühlte ich mich wie in Istanbul." - İlker Çatak

Durch diese Vermischung der Regionen beginnt man beim Schauen den Status quo zu hinterfragen - und das nicht nur in der Türkei. Sind vergleichbare gesellschaftliche und politische Entwicklungen womöglich auch hierzulande denkbar? Ein Gedankenexperiment, das Çatak anregen wollte.

"Mir war es wichtig, nicht nur einen Film über die Türkei zu machen, sondern auch über Deutschland. Über die Geschichte von Deutschland. Die Gefahren, denen wir auch in Deutschland ausgesetzt sind. Und ich glaube, wenn man sich so ein bisschen mit dem zivilen Tod beschäftigt, also dem Mechanismus von autoritären Regimen, seine Bürger in einen Limbo-Zustand zu versetzen, wo sie Berufsverbot haben, quasi aus der Gesellschaft ausgeschlossen sind. Und wenn wir nicht aufpassen, wird es ihn wieder geben." - İlker Çatak

Fazit: İlker Çataks Film als Spiegel des Weltgeschehens

Staat gegen Individuum. Ein ungleiches, unfaires Duell. Çatak inszeniert daraus kein Spektakel, er baut den Eskalationsprozess leise und intim auf. In einer Zeit, in der weltweit - auch in Deutschland - Kulturschaffende politisch angeprangert werden, gelingt dem Berliner İlker Çatak mit Gelbe Briefe ein Film, der nicht nur als großartiges Autorenkino, sondern auch als Spiegel des Weltgeschehens funktioniert.

Das Breitbild zu "Gelbe Briefe" wurde erstmals am 05.03.2026 im FluxFM ausgestrahlt. Vielen Dank an dieser Stelle an Philipp Teubner für das zur Verfügung stellen der Interview-Ausschnitte seines Berlinale-Gesprächs mit İlker Çatak.