© Klaus Günzel: Die deutschen Romantiker. Artemis, Zürich 1995, ISBN 3-7608-1119-1
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 Klaus Günzel: Die deutschen Romantiker. Artemis, Zürich 1995, ISBN 3-7608-1119-1

Berlins erste Diva: Henriette Sontag | Berliner Schnipsel

Fans vor dem Hotel, eine belagerte Kutsche und ein Kritiker im Gefängnis: Der Ruhm von Henriette Sontag war gewaltig.

11.03.2026 Matti Geyer

Berlin vor genau 200 Jahren: Vor dem Königsstädtisches Theater drängen sich die Menschen. Sie warten auf eine Frau, die von ihren Fans nur „göttliche Jette“ genannt wird: Henriette Sontag.

Die Tochter zweier Schauspieler steht schon als Kind auf der Bühne. Ihre musikalische Ausbildung führt sie nach Prag – und dort entdeckt sie einer der bedeutendsten Komponisten seiner Zeit: Carl Maria von Weber. Er gibt der erst siebzehnjährigen Sängerin eine Hauptrolle in seiner Oper.

Kurz darauf schreibt sie Musikgeschichte: In Wien singt Sontag als Sopran bei der Uraufführung von Ludwig van Beethovens 9. Symphonie. Der Komponist selbst ist zu diesem Zeitpunkt fast vollständig taub. Nach dem letzten Ton merkt er nicht, dass das Publikum begeistert applaudiert. Erst als Sontag ihn am Arm fasst und zum Saal dreht, sieht Beethoven den Jubel.

Zum echten Phänomen wird sie jedoch in Berlin. 1825 eröffnet das Königsstädtische Theater nahe dem damaligen Alexanderplatz – und die erst 19-jährige Sopranistin begeistert das Publikum. Zeitgenossen beschreiben ihre Stimme als „Silberglöckchen“. Selbst Goethe schwärmt von der „flatternden Nachtigall“.

Henriette Sontag verdient mehr als jede andere Opernkünstlerin der Stadt. Ihre Kutsche wird belagert, Fans warten vor ihrem Hotel. Als ein Kritiker eine spöttische Satire über sie schreibt, landet er sogar in der Festung Spandau.

Später zieht es die Sängerin nach Paris. Zum Abschied erhält sie aus der Königlichen Porzellan-Manufaktur eine Vase, bemalt mit den Opernrollen, mit denen sie Berlin verzaubert hat. Zeitungen sprechen von „Sontags-Trauer“ – und tatsächlich gerät das Theater bald in finanzielle Schwierigkeiten.

Sontag selbst wird nie wieder nach Berlin zurückkehren. Stattdessen erobert sie die großen Bühnen Europas und Amerikas. Ihre letzte Reise führt sie 1854 nach Mexiko-Stadt. Dort erkrankt sie an Cholera – und stirbt mit nur 48 Jahren.