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 Matti Geyer

Was für ein Leben | Harald Geyer: Ein Leben gegen den Strom

Ein Sohn interviewt seinen Vater – kurz bevor es zu spät ist

07.04.2026 Matti Geyer

Was für ein Leben: Harald Geyer

Was bleibt von einem Leben, wenn die Zeit knapp wird?

In unserer Reihe „Was für ein Leben“ geht es genau darum: Lebensgeschichten festzuhalten, bevor sie für immer verschwinden. In dieser Folge ist das besonders persönlich. FluxFM-Redakteur Matti Geyer spricht mit seinem eigenen Vater – Harald Geyer. Ein Gespräch, das nicht nur journalistisch, sondern auch zutiefst menschlich ist. Denn Harald ist in Palliativpflege. Viel Zeit bleibt nicht mehr.

Geboren 1939, wächst Harald Geyer in einer Welt auf, die von Krieg und Verlust geprägt ist. Seinen Vater verliert er früh. Kurz nach Kriegsende wird die Familie von sowjetischen Soldaten aus ihrem Zuhause vertrieben. Hunger bestimmt den Alltag – bis seine Mutter eine Beziehung zu einem sowjetischen Offizier eingeht, die das Überleben sichert.

Harald träumt davon, Regisseur zu werden. Doch in der DDR ist dieser Weg nahezu unerreichbar. Stattdessen entscheidet er sich für ein Lehramtsstudium – ein Kompromiss, der sein Leben prägen wird. Als seine Mutter in den Westen geht, plant er, ihr zu folgen. Doch er will vorbereitet sein, erst Berufserfahrung sammeln. Dann kommt der Mauerbau. Die Grenze schließt sich – und Mutter und Sohn werden getrennt.

In der DDR wird von ihm erwartet, der Partei beizutreten. Eine Voraussetzung für Karriere, Sicherheit, Aufstieg. Harald weigert sich. Es ist eine Entscheidung mit Konsequenzen: Er wird von der Stasi überwacht, seine beruflichen Möglichkeiten eingeschränkt. Schließlich verlässt er den Lehrerberuf.

Was folgt, ist kein geradliniger Lebenslauf. Harald schlägt sich durch – fährt illegal Taxi, arbeitet bei der Post, hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Immer wieder findet er Wege, unabhängig zu bleiben.

Zur Wendezeit beginnt ein neues Kapitel: Er unterrichtet vietnamesische Vertragsarbeiter in Deutsch. Später hilft er in der jüdischen Gemeinde russischen Einwanderern beim Ankommen. Sprache wird für ihn zum Werkzeug, Menschen zu verbinden.

Und immer bleibt er sich treu – unbequem, kritisch, eigenständig. Bis ins hohe Alter bleibt er aktiv, joggt, spielt Tischtennis, lebt bewusst. Erst die Krebsdiagnose bremst ihn aus.

Dieses Gespräch ist mehr als eine Biografie. Es ist ein Dokument deutscher Geschichte – erzählt durch die Augen eines Mannes, der sich nie angepasst hat. Und es ist ein Sohn, der seinem Vater zuhört.

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Wir kennen das alle: Wenn man jung ist, will man die alten Geschichten von Mama, Papa, Oma, Opa, Tante oder Onkel oft nicht hören – und irgendwann ist es zu spät.
Deshalb wollen wir bei FluxFM mit Menschen sprechen, die gelebte Geschichte sind. Menschen, deren Biografien berühren, überraschen oder einfach unglaublich sind. Wir wollen ihre Erinnerungen festhalten – für uns, für euch, für die Nachwelt.

Ihr kennt jemanden, der oder die immer verrückte Anekdoten erzählt, Spannendes erlebt hat oder einfach ein besonderes Leben geführt hat? Dann schreibt an matti.geyer@fluxfm.de – vielleicht hört ihr die Geschichte bald bei uns in der Reihe „Was für ein Leben“.