
„Das hier ist meine Kunst – und ich muss sie nicht mehr verteidigen.“ | Interview mit TOVE LO
Der schwedische Popstar über künstlerische Freiheiten, eine ungeahnte Kollaboration und das besondere neue Album "ESTRUS"
13.09.2026 Daniel Meinel
„Ich habe viele Gefühle, aber keine Lösungen“ TOVE LO
Tove Lo ist zurück – verletzlicher, instinktiver und unabhängiger als je zuvor. Mit ihrem sechsten Studioalbum ESTRUS öffnet die schwedische Pop-Ikone ein neues musikalisches Kapitel. Musikredakteur Daniel Meinel hat sie zum Interview getroffen und mit ihr über den Schmerz des Songwritings, ihre Zusammenarbeit mit Stromae und die Befreiung durch ihr eigenes Label gesprochen.
Wer Tove Lo sucht, findet sie meist dort, wo es wehtut – oder dort, wo die Party längst außer Kontrolle geraten ist. Auf ESTRUS wagt sich die Künstlerin nun an einen Ort, an dem sie bisher selten war: in das ungefilterte Chaos der Gegenwart. Während sie vergangene Alben oft als eine Art Abschlussbuch für bereits verarbeitete Lebensphasen nutzte, entstand ESTRUS mitten im emotionalen Auge des Sturms. Das Ergebnis ist ein Album, das weitaus mehr „Indie“ ist als sein geradliniger Vorgänger Dirt Femme und das seinen Zuhörern einiges abverlangt.
Zwischen Kloster und Kunstinstallation: Die Welt von ESTRUS
Visuell und klanglich ist das Album ein Erlebnis. Für das Musikvideo zur Single „i’m your girl, right?“ reiste Tove Lo mit Regisseur Fernando Nogari in ein ehemaliges Kloster in São Paulo. Die Bilder fangen die Essenz der Platte perfekt ein: Der Moment, in dem aus Einschränkung absolute, fast tierische Freiheit wird – ein Szenario, das die Sängerin selbst an das Finale des Films Das Parfum erinnert.
Musikalisch spiegelt sich dieses Chaos in Tracks wie „F.A.M.T“ und dem extrem emotionalen „if i could i would“ wider, das Tove Lo als „Druckkochtopf der Gefühle“ beschreibt. Ein besonderes Highlight ist zudem die überraschende Kollaboration mit dem belgischen Ausnahmekünstler Stromae auf dem Track „des fleurs“. Zu einem hypnotischen Walzer-Beat verschmelzen hier zwei Meister der tanzbaren Melancholie.
Die volle kreative Kontrolle
Dass Tove Lo heute genau die Kunst machen kann, die sie will, verdankt sie ihrem eigenen Label Pretty Swede Records. Früher, bei großen Major-Labels, musste sie für provokante Visionen – wie etwa das legendäre Video zu „Disco Tits“ – hart kämpfen. Heute genießt sie die Unabhängigkeit in vollen Zügen. Diese kreative Freiheit wird auch im November spürbar sein, wenn sie mit der ESTRUS-Tour nach Europa kommt und die Bühne in eine regelrechte Kunstinstallation verwandeln wird.
„And so that as an independent has been lovely in that I just like, this is the art and now, yeah, let's go put it out, you know? […] It's really lovely to just create with a, with not the worry of having to defend it.“ TOVE LO
Wie sie den Spagat zwischen perfektem schwedischem Pop-Handwerk und dem puren Chaos schafft, warum sie moderne Pop-Regeln ablehnt und weshalb sie privat glücklich sein kann, aber für ihre Kunst den Konflikt braucht, verrät sie uns im ausführlichen Interview.



















