FluxFM Berliner Schnipsel
Stadtführer Matti Geyer bringt Berlins Vergangenheit ins Hier und Jetzt.

Wo Berlin seit über 130 Jahren einkauft
01.10.2026 Matti Geyer
Heute gilt die Markthalle 9 in Kreuzberg als eine der bekanntesten Food-Adressen Berlins. Mit Wochenmärkten, Streetfood Thursday und zahlreichen Veranstaltungen zieht sie Besucher aus aller Welt an. Vor 15 Jahren wurde die Halle in ihrer heutigen Form neu eröffnet. Ihre Geschichte beginnt jedoch deutlich früher.
Im Jahr 1847 erschüttert die sogenannte Kartoffelrevolution Berlin. Missernten treiben die Lebensmittelpreise in die Höhe. Verzweifelte Menschen plündern Märkte und Bäckereien. Die Unruhen zeigen, wie schlecht die Versorgung der schnell wachsenden Hauptstadt organisiert ist.
In den folgenden Jahrzehnten wächst Berlin rasant. Gleichzeitig häuft sich die Kritik an den hygienischen Zuständen auf den offenen Wochenmärkten. Fleisch liegt ungekühlt in der Sonne, Fisch verdirbt und Krankheiten breiten sich leichter aus. Der Arzt und Politiker Rudolf Virchow setzt sich deshalb für moderne Markthallen ein.
1883 beschließt der Berliner Magistrat ein ehrgeiziges Bauprogramm. Insgesamt entstehen 14 große Markthallen in den dicht besiedelten Arbeitervierteln. In Kreuzberg eröffnet die Markthalle IX. Hunderte Händler verkaufen hier Fleisch, Fisch, Obst, Gemüse, Gewürze und sogenannte Kolonialwaren. Kühlräume sorgen für bessere Lagerung, breite Tore ermöglichen die direkte Anlieferung per Pferdekutsche.
Im 20. Jahrhundert geraten die Berliner Markthallen zunehmend unter Druck. Kaufhäuser, später Supermärkte und Selbstbedienungsläden verändern das Einkaufsverhalten. Viele Hallen verschwinden. Die Markthalle IX überlebt jedoch. Selbst die Schäden des Zweiten Weltkriegs bleiben vergleichsweise gering.
In den 1970er-Jahren droht dennoch das Aus. Discountermärkte ziehen ein und sichern vorübergehend das Überleben des Gebäudes. Doch in den 1990er- und 2000er-Jahren verfällt die Halle zunehmend. Eine Bürgerinitiative verhindert schließlich den Verkauf an Investoren und setzt stattdessen einen Konzeptwettbewerb durch.
Das Ergebnis ist die Wiedergeburt der Markthalle am 1. Oktober 2011. Seitdem verbindet die Markthalle 9 traditionellen Handel mit modernen Gastronomiekonzepten, kulturellen Veranstaltungen und Nachbarschaftsprojekten. Aus einer historischen Versorgungsstätte wurde eine der bekanntesten Streetfood-Hallen Deutschlands – und ein lebendiges Stück Berliner Stadtgeschichte.