FluxFM Berliner Schnipsel
Wir holen Berlins Vergangenheit ins Hier und Jetzt.

Geliebt, gefeiert, vertrieben: Josephine Bakers Berliner Geschichte
09.01.2026 Matti Geyer
Berlin im Januar 1926.
Die Zwanziger sind gerade dabei, „golden“ zu werden. Der Kurfürstendamm glüht, das Nachtleben explodiert – und im Nelson-Theater bringt eine neue Tänzerin das Publikum zum Ausrasten: Josephine Baker.
Dabei stammt sie aus allem anderen als glamourösen Verhältnissen. Aufgewachsen in St. Louis erlebt sie Armut, Gewalt und offenen Rassismus. Mit acht Jahren arbeitet sie als Dienstmädchen, später lebt sie zeitweise auf der Straße. Doch Josephine tanzt sich frei. Erst in den USA – und dann über den Atlantik.
Paris. Brüssel. Berlin.
Im Nelson-Theater am Ku’damm wird sie zum Mythos. Niemand tanzt den Charleston wie sie. Sie wackelt, wirbelt, schneidet Grimassen, flirtet mit dem Publikum – und trägt dabei kaum mehr als ein paar Federn. Berlin ist elektrisiert.
Kritiker suchen nach Worten und landen bei einem ganzen Zoo: Kolibri, Känguru, Giraffe, Schlange. Manche Beschreibungen sind rassistisch, andere voller Bewunderung. Zeitungen schreiben Sätze wie:
„Ihr Popo, mit Respekt zu vermelden, ist ein schokoladener Grieß-Flammerie an Beweglichkeit.“
Oder:
„Der Bauch zuckt im Vierundsechzigsteltempo, der federgeschmückte Steiß rotiert wie ein Feuerwerk.“
Josephine selbst erinnert sich später: In keiner anderen Stadt habe sie so viele Liebesbriefe, Blumen und Geschenke bekommen wie in Berlin. Sie feiert durch, trinkt „das beste Bier der Welt“ – und fährt in einer Straußenkutsche durch die Stadt. Weil: warum nicht?
Sie spielt sogar mit dem Gedanken, in Berlin zu bleiben. Die Stadt erscheint ihr größer, freier, leichter als Paris. Das Deutsche Theater will sie unbedingt engagieren. Doch dann lockt ein noch besseres Angebot aus Frankreich. Josephine packt ihre Federn – und geht. In Paris wird sie im Bananenrock zur Weltikone.
Vielleicht ist es besser so.
Denn Berlin hätte sie nicht lange glücklich gemacht.
Die Goldenen Zwanziger enden abrupt. Als Josephine 1929 zurückkehrt und im Theater des Westens auftritt, sprengen SA-Trupps ihre Vorstellungen. Nazi-Zeitungen beschimpfen sie als „Halbaffen“. Nach nur drei Wochen verlässt sie die Stadt – endgültig.
Josephine Baker wird später Mitglied der französischen Résistance, schmuggelt Informationen für die Alliierten, singt an der Front und adoptiert zwölf Kinder – ihre berühmte „Regenbogenfamilie“.
Das Nelson-Theater am Ku’damm existiert heute nicht mehr.
Im selben Haus verkauft nun eine Modekette Kleidung.
Doch wer hier vorbeigeht, steht auf historischem Boden – dort, wo Berlin einst Josephine Baker verfiel
Die ganze Geschichte von FluxFM-Redakteur und Stadtführer Matti Geyer im neuesten Berliner Schnipsel.