Tove Lo - ESTRUS | Album der Woche
Album der Woche: "ESTRUS" von Tove Lo

Tove Lo - ESTRUS | Album der Woche

Ode an das Chaos

20.09.2026 Daniel Meinel

Kein Hochglanz-Pop, sondern raue Emotionen und ungelöste Konflikte: Tove Lo liefert mit ESTRUS ein entwaffnend ehrliches Werk ab. Damit trifft die Schwedin den Nerv der Zeit und liefert eins der besten Pop-Alben des Jahres.

Tove Lo hat noch nie nach den strengen Regeln der konventionellen Pop-Industrie gespielt. Auf ihrem sechsten Studioalbum ESTRUS geht sie nun jedoch noch einen Schritt weiter und lässt das glatte Pop-Korsett fast vollständig hinter sich.

Rezension I

Tove Lo - ESTRUS

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ESTRUS ist eine musikalische Ode an das Chaos. Statt empowernder Lebensweisheiten oder therapeutischer Ratschläge am Ende jedes Songs präsentiert uns die Schwedin ungefilterte Gefühle und die schiere, menschliche Überforderung. Die Entstehungsgeschichte war dementsprechend intensiv: Für die Aufnahmen zog sich Tove Lo in ein kleines schwedisches Fischerdorf ihrer Kindheit zurück. Dort schrieb sie die Songs nicht etwa mit dem emotionalen Abstand einer abgeschlossenen Lebensphase, sondern direkt aus dem Moment heraus.

„Normalerweise schließt man beim Schreiben eines Albums mit einem Kapitel ab und blickt mit Distanz darauf zurück. Diesmal war es anders: Ich stecke noch immer mittendrin im Chaos, habe keinen klaren Weg vor Augen – und absolut keine Lösungen.“– Tove Lo über den verwundbaren Schreibprozess von ESTRUS.

Musikalisch bewegt sich ESTRUS spürbar in Richtung Indie. Es fordert die Hörer*innen mehr heraus, bricht mit klassischen Songstrukturen und wagt ungewöhnliche Experimente. Ein herausragendes Beispiel dafür ist die unerwartete Zusammenarbeit mit dem belgischen Musiker Stromae. Aus dem Nichts schickte er ihr Instrumentals, woraus ein hypnotischer, fast schon geisterhafter Walzer entstand – fernab des typischen 4/4-Pop-Taktes. Der Track, der komplett aus der Ferne über den Ärmelkanal hinweg kreiert wurde, bündelt die düstere Romantik und die Tiefe, die das gesamte Album durchziehen, auf magische Weise.

Auch visuell geht Tove Lo auf dem neuen Album mutige Wege. Das Musikvideo zum Track „I'm Your Girl“, das in einem alten Kloster in São Paulo gedreht wurde, funktioniert wie ein Kurzfilm, der die gesamte visuelle Identität der Platte zusammenfasst. Es ist eine Geschichte über die Befreiung aus restriktiven Normen – wild, instinktgesteuert und radikal ehrlich. Dass sie diese kompromisslose Kunst heute so frei ausleben kann, liegt an ihrer neu gewonnenen Unabhängigkeit. ESTRUS erscheint über ihr eigenes Label „Pretty Sweede Records“. Vorbei sind die Zeiten, in denen sie bei großen Major-Labels für unzensierte Texte oder provokante Videos kämpfen musste.

„Je erfolgreicher du wirst, desto mehr wächst der Druck, immer ein gutes Vorbild zu sein und kluge Ratschläge zu verteilen. Es ist ein wundervolles Gefühl, heute einfach Kunst zu erschaffen, ohne sich ständig dafür rechtfertigen und sie verteidigen zu müssen.“– Tove Lo über ihre Unabhängigkeit als Künstlerin.

Wer die neuen, intensiven Songs und Tove Los ungefilterte Energie live erleben möchte, hat im November die Chance dazu. Dann kommt sie mit einem komplett neuen Bühnenkonzept zu uns nach Berlin und spielt live in der Columbiahalle.

Im Radio: 21. September - 26. September 2026