FluxFM Berliner Schnipsel
Stadtführer Matti Geyer bringt Berlins Vergangenheit ins Hier und Jetzt.

Vom Festungslabor zur Weltfirma: Die erstaunliche Karriere des Werner von Siemens
19.02.2026 Matti Geyer
Es gibt nicht viele Namen, die so eng mit Berlin verbunden sind wie Werner von Siemens. Siemensstadt, Siemenswerke, Siemensbahn – und bis heute tausende Beschäftigte der Siemens AG in der Hauptstadt. Doch wie begann diese Erfolgsgeschichte eigentlich?
Geboren 1816 als viertes von vierzehn Kindern, wächst Werner Siemens in einfachen Verhältnissen auf. Geld für ein Studium gibt es nicht. Also wählt er einen Umweg – über das Militär. An einer Artillerie- und Ingenieurschule erhält er Zugang zu naturwissenschaftlicher Ausbildung. Der junge Siemens gilt als hochbegabt, aber auch als impulsiv. Nach einem Duell landet er sogar mehrere Jahre in Festungshaft. Doch statt zu resignieren, richtet er sich in seiner Zelle ein kleines Labor ein. Dort experimentiert er mit Elektrizität – und entwickelt erste technische Verfahren.
Der entscheidende Durchbruch folgt 1866 mit der Entdeckung des dynamoelektrischen Prinzips. Zum ersten Mal wird es möglich, Elektrizität in großem Maßstab wirtschaftlich zu erzeugen. Siemens erkennt sofort die Tragweite seiner Entdeckung: Elektrische Energie, so ist er überzeugt, wird Industrie, Verkehr und Alltag revolutionieren.
1879 sorgt er in Berlin für Aufsehen. Auf der Gewerbeausstellung präsentiert er eine kleine, unscheinbare Lokomotive – rauchfrei, geräuscharm, elektrisch betrieben. Auf einer 300 Meter langen Teststrecke fahren innerhalb weniger Monate fast 90.000 Berlinerinnen und Berliner mit. Was aussieht wie eine Spielzeugeisenbahn, ist in Wahrheit der Beginn eines neuen Zeitalters: die erste praxistaugliche elektrische Lokomotive der Welt.
Nur zwei Jahre später folgt in Groß-Lichterfelde die erste elektrische Straßenbahn. Die Strecke ist vorsichtshalber eingezäunt – man fürchtet Stromschläge bei Pferden oder Passanten. Doch der elektrische Betrieb setzt sich durch. Ohne diese Experimente gäbe es keine U-Bahn, keine S-Bahn, keinen ICE.
Dabei ist Siemens nicht nur Techniker, sondern auch Sozialreformer. Er führt Gewinnbeteiligungen ein, zahlt Prämien und gründet eine Pensions-, Witwen- und Waisenkasse. Die tägliche Arbeitszeit reduziert er auf neun Stunden – zu einer Zeit, in der zwölf Stunden üblich sind. Für das 19. Jahrhundert ist das revolutionär.
Als Werner von Siemens 1892 in Charlottenburg stirbt, ist aus seiner kleinen Telegraphenwerkstatt ein internationales Technologieunternehmen geworden. Begraben liegt er auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf – einem der größten Friedhöfe der Welt. Die monumentale Grabanlage der Familie Siemens zeugt noch heute von der Bedeutung dieses Mannes.
Berlin wäre ohne Siemens eine andere Stadt. Und unsere Welt vielleicht auch.